Fernseh-Kritik

ARD und ZDF, Somtag, 10. Oktober: Wahl in Bayern

Das Wahlfinale des bajuwarischen Sonntags ergab eine Fülle sprachlicher Kuriositäten. Ein Sportreporter beispielsweise fragte sich, wie man dem Problem des Dopings Herr werden könne: deutsch, wie man weil, ist schwer, und Genetiv und Dativ liegen nah beieinander.

Aber auch Fremdwörter wollen gelernt sein. Ein Diplomatiker (so die Bezeichnung der Nachrichtensprecherin) ist George F. Kennan als Historiker sicherlich auch, ein Kenner der Urkundenlehre also – aber zuerst doch wohl ein Diplomat. Und dazu ein Mtnn, der an diesem Tag in geschliffener Rede das Selbstverständliche, die Priorität des Friedens vor anderen Gütern, in die ihm gebührenden Rechte versetzte – übrigens mit Hilfe von Thesen, die hierzulande von Konservativen gern als "antiamerikanisch" etikettiert werden: keine Vermietung des politischen Gegners! Keine Verketzerung des anderen als eines Aggressionslüsternen! Keine Militarisierung der Politik!

Aber es gab nicht nur sprachliche, es gab auch sachliche und gedankliche Fehlleistungen am Sonntagabend. Wäre die ARD nicht so vorschnell gewesen, ängstlich darauf bedacht, der Konkurrenz um eine Nasenlänge voraus zu sein – sie hätte der gebeutelten FDP manch falsche Hoffnung erspart. 4,9 Prozent für die Fraktionsmehrheitler um Hans-Dietrich Genscher: Der Schein war rosig, doch die Wahrheit eine halbe Stunde später schwarz. Schuld am Debakel aber, wurde verlautet, hatte nicht etwa der auf den Wechselkurs versessene Mann an der Spitze, steuerbord gestern und heute backbord, Schuld daran hatten, wer sonst auch, die anderen.

Wir haben die Entscheidung getroffen, meinte in der Bonner Runde der Parteivorsitzende – ein höflicher Herr, der nicht "ich" sagt, sondern augenscheinlich lieber den pluralis maiestatis bemüht, in Notwehr allerdings, wie hinzugefügt werden muß. "Aus ist’s für Sie", hatte Friedrich Nowottny fröhlich gerufen. Was blieb Genscher da anderes übrig als aus seinem zerzausten Ich, dem ego eines Politikers, der vor aller Welt den J. R. aus "Dallas" spielt und glaubt, das sei ein Strahlemann, der Wählernerzen höher schlagen läßt... was blieb Genscher anderes übrig als ein wir herzuzaubern, das für einen geschlossenen Heerhaufen stehen sollte und dabei nicht einmal die Blöße eines einzelnen bedeckte – ganz im Gegenteil!

Doch auch damit der Fehlleistungen, der bewußten und unbewußten, läßlichen und schwerwiegenden, noch nicht genug: Während Frau Kelly mit Mühe und Not ein paar Sätze artikulieren durfte, bei ihrem ersten Auftritt im ZDF, sahen sich Verlautbarungen zumal von Vertretern der staatstragenden bayerischen Partei mit wahrer Engelsgeduld honoriert. Hei, war das lustig, wie sich die CSU an diesem Abend alleweil zwiefach darstellte: auf der Reporter- und auf der Politikerseite. Wolf Strauß und Franz Josef Feller, Gerold Mühlfenzl und Rudolf Tandler! Tusch und Umarmung! Und die Grünen, wie der Bundeskanzler zu sagen pflegt, draußen in diesem Land – an den Rand gedrängt und abermals ausgesperrt von der Runde in Bonn, obwohl sie doch wiederum mehr Stimmen für sich verbuchten als die dritte der sogenannten etablierten Parteien. Am Fernsehschirm jedoch sah’s umgekehrt aus an diesem bajuwarischen Abend: Die 3,5er partizipierten mit stattlicher Rolle am Text, die 4,6er durften Fußnoten verlesen.