/ Von Erich Fried

Der Umfang des neuen Buches von Elke Erb ist gering, nur 77 Textseiten, Gedichte und Prosa – ganz kurze Prosa und meist auch ist länger. Sarah Kirsch hat die Gedichte ausgewählt und mit wenigen sehr dichten Sätzen eingeleitet. Ihr letzter Satz lautet: "Wenn wir uns selbst verstehn, verstehn wir die Dichter." Die ersten Worte ihrer Einleitung sind: "Trost, aber kein Trostpflaster." Beide Feststellungen sind bei diesen Texten genau, beängstigend genau, am rechten Ort.

Ob die Prosa Prosa ist, ob die Gedichte Gedichte sind, bleibt oft fraglich. Das ist aber hier höchstens von Vorteil. Keiner dieser Texte, der auch nur vielleicht überflüssig wäre, keiner, der um eine Silbe zu lang ist. Und keiner, der literarisch oder literatenhaft anmutet. Dichten soll ja keine literarische Angelegenheit sein, soll aber gleichzeitig nicht unter das Niveau dessen fallen, was in ähnlichen Formen oder in der Auseinandersetzung mit ähnlichen Themen schon geleistet wurde. Alle diese Bedingungen erfüllt dieser kleine Band so sehr, daß er wahrscheinlich für viele Leser so unvergeßlich sein wird, wie für mich.

Möglich, daß die Verfasserin lange an einer Psychoneurose zu leiden hatte. Wichtig für den Inhalt dieser Gedichte, dieser Prosafindlinge, deren Wert dadurch nur noch steigen könnte. Man denkt beim Lesen oft an Hölderlin, wie er in seinen Texten um sein geistiges und seelisches Überleben kämpfte. Und von William Blake, über dessen Geisteszustand immer noch diskutiert wird, schrieb vor etwa vierzig Jahren ein englischer Dichter: "And was Blake mad, a sweeter tongue / No madman ever gave to song." (Und war Blake irr, gab süßem Klang / Kein Irrer je-, mals dem Gesang.) Jedenfalls lehren uns Elke Erbs Texte auch pychische Grenzzustände besser verstehen und auch die sogenannten Irren ernst nehmen – und (wie Sarah Kirsch schon gesagt hat) uns selber verstehen. Natürlich, nur wenn wir wollen. Leicht und unbeschwert liest man sich durch dieses Bändchen nicht durch. Es hebt die Trennung zwischen Dichtung und Wahrheit ganz und gar auf, läßt dem Leser daher keine Rückzugswege.

Es ist aber nicht so, daß Elke Erb etwa nur viel zu sagen hätte, aber keine eigene Form hat. Nein, nur ist diese Form weder einer literarischen Mode noch der Gegenwehr gegen solche Moden zu verdanken, sondern sie hat sich – so wirkt es wenigstens – als Quintessenz aller durchlaufenden Phasen dessen gebildet, um das es der Verfasserin je ging und geht. Deshalb ist eigentlich der Versuch einer Rezension, einer "Kritik" schon irgendwie Anmaßung. Man müßte in seiner eigenen Arbeit mehr durchgemacht haben als die Verfasserin, und ich weiß nicht, ob das menschenmöglich ist.

Elke Erb kommt, ebenso wie Sarah Kirsch, aus der DDR, wo sie heute noch lebt. Das merkt man vielen ihrer Texte an. Von den in der DDR herangewachsenen Autoren gibt es einige, die ihre Konflikte noch gründlicher durchlebt haben als die meisten im Westen Schreibenden, auch wenn sie jetzt schon seit Jahren selbst im Westen leben. Aber, gleichviel, wo sie leben, sie verstehen einander. Einer von Elke Erbs Texten trägt den Vermerk "für Heiner Müller". Müller lebt nach wie vor in der DDR und gehört auch zu jenen Schriftstellern oder Dichtern, die sich nichts ersparen und bei deren Lektüre einem manchmal fast das Herz stehenbleibt. Und doch, und gerade deshalb, ebenso wie dieses Buch von Elke Erb, Pflichtlektüre: Es hilft, wenn man sich gleich am Anfang dieser Lektüre von vielen Vorstellungen, was und wie Gedichte oder Prosatexte sein sollten, frei macht. In einem Gedicht mit dem Titel: "Rekapitulation / oder / Ich zähle bis 3" schreibt Elke Erb: