Von Rüdiger Siebert

Sogar die Schießscharten haben die Form des Kreuzes. Wir klettern auf dem Burggemäuer von Tomar herum und blicken durch diesen beziehungsvollen Ausschnitt abendländischer Weltsicht auf die Landschaft im Herzen Portugals. Herb und hügelig ist die Region, einem alten, verwilderten Garten ähnlich, dem die früheren Besitzer davongelaufen sind. Nach Lissabon vielleicht. Am Morgen waren wir dort mit der Eisenbahn losgefahren. Umsteigen in Entrocamento. Endstation Tomar. Nun, am frühen Nachmittag, liegt das Städtchen unter uns. Eine überschaubare Ansammlung weißer Häuser, ein paar spitze Kirchtürme dazwischen, durchschnitten vom Fluß Nabäo, eingebettet ins portugiesische Kernland. Die Neugier hätte uns wohl kaum hierher getrieben, wenn über diesem geruhsamen Nest mit seinen 20 000 Einwohnern nicht dies historisch bedeutsame Gebäude stünde.

Eine breit gezogene Mauer über den Hügeln, Wachtürme, eine wehrhafte Burgkirche. Von unten anzusehen wie eine Felsenkrone, die Tomar aufs Haupt gesetzt wurde. Als wir oben anlangten, fuhr gerade eine Reisegesellschaft wieder los. Wir erleben die Klosterburg in einsamer Stille. Ungestört dürfen wir der Geschichte nachspüren, die sich h/er weniger mit dramatischen Ereignissen lokalisieren läßt, sondern mehr mit der Hortung von Reichtümern, ohne die das erste große Kapitel der Weltentdeckung von Europa aus anders verlaufen wäre.

Tomar ist der rechte Ort, darüber zu sinnieren. 1160 hatte auf diesen Höhen der Orden der Tempelritter mit dem Bau der Burg begonnen, einer der zählreichen Stützpunkte jener streitbaren und immer mächtiger und reicher gewordenen Männer im Zeichen des Kreuzes. Deren selbstgefälliges Tun forderte schließlich nicht nur die attackierten Sarazenen heraus, sondern auch gekrönte Häupter und Päpste. Philipp der Schöne von Frankreich und Papst Clemens V. holten zum vernichtenden Schlag aus. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts waren Habgier und Herrlichkeit der Templer vorbei. Die Verfolgung, vor allem in Frankreich, war voll der Grausamkeit, mit der das Mittelalter so großzügig war, wenn es um politisch-klerikale Macht ging.

Tomar indes wurde zur Ausnahme. Dort überlebten die Templer. Der portugiesische König Diniz I. war großzügiger als sein französischer Kollege. Die Templer von Tomar wurden in den 1318 gegründeten Christusorden übernommen, der auch die Reichtümer der Vorgänger einkassierte. Das wäre eine portugiesische Angelegenheit geblieben, wenn nicht zu Beginn des 15. Jahrhunderts ein gewisser Prinz Henrique von seinem königlichen Vater zum Großmeister des Ordens ernannt worden wäre und der Sohn das Ordensvermögen nicht in die ersten planmäßigen Entdeckungsreisen der europäischen Geschichte gesteckt hätte. Als Heinrich der Seefahrer steht er in jedem einschlägigen Buche.

Sie ist voll schattiger Winkel, die weitläufige Klosteranlage, die ein frommer Bauwille vom 12. bis 17. Jahrhundert mit wechselnden Stilelementen zur beherrschenden Bastion des Landesteils aufstockte. Terrassen, Kreuzgänge, Wendeltreppen. Ein steinernes Labyrinth. An der Nordwestfassade der Christusritterkirche entdecken wir in der von Algen und Moos überzogenen Mauer jenes Fenster, dessen Stil die Fachleute den "manuelischen" nennen. Es ist, als habe da eine Meereswelle an die Burg geschlagen. Korallen, Taue, vom Wasser gerundetes Gestein, Motive maritimen Ursprungs, verschlungen wie portugiesische Diphtonge; und alles überragt vom Kreuz der Templer. Dem phantasievollen Betrachter mag der verschwenderisch gemeißelte Schmuck als direkter Bezug zum seemännischen Aufbruch des Prinzen Heinrich erscheinen.

Mit dem binnenländischen Tomar hatte er freilich nicht viel im Sinn. Sein Lebenswerk trieb er von Sagres aus voran, von jenem unwirtlichen Felsen am südwestlichen Rand Europas. Dort hatte er die berühmte Seefahrerschule eingerichtet, deren Absolventen in Heinrichs und des Christusordens Auftrag immer weiter in südliche Meere segelten und den Weg bereiteten, der schließlich rund um die Erde führte, zu einem völlig neuen Weltbild verhalf und die imperiale Weltenteilung einleitete. Ohne die zusammengerafften Schätze aus dem Templerorden hätte der Großmeister der Christusritter da unten auf seinem Felsen viele Pläne machen, aber kaum ein einziges Schiff ausstatten können. Die Klosterburg über Tomar, 350 Kilometer nördlich von Sagres, war gewissermaßen das Bankhaus der ersten maritimen Entdeckungsreisen, bei denen Europa über das Ende der bisherigen Welt vorstieß.