Von Helmut Groß

Erinnerungen an die Ausbildungszeit, vornehm-distanziert „Volontariat“ genannt. „Das Lokale ist die Hohe Schule des Journalismus“, hatte mir der Redaktionsleiter, ehemals Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg, am ersten Arbeitstag salbungsvoll erklärt. Und ich hab’s geglaubt, willig und begierig dieses Handwerk zu erlernen. Jahreshauptversammlung des Kaninchenzüchtervereins, Treffen des Sängergaus in Obersimpfendorf, Faßanstich mit dem Bürgermeister im Festzelt, Ziegenbockversteigerung in der Mehrzweckhalle von Lochhausen. Die „Hohe Schule“ spielte sich zumeist in verrauchten Wirtshaussälen ab und dauerte genau vier Wochen, dann verschwand der Kollege – Ausbilder, Chefredakteur und Mitverleger in einer Person – gen Süden in den Urlaub. Nicht ohne lobend zu erwähnen, „daß Sie sich ganz gut eingearbeitet haben, junger Mann“.

O herrliche Naivität, die du diesem Ausbeuter auf den Leim gingist! Fünfzehn Stunden pro Tag knochenharte Redigierarbeit, nervenaufreibender Streit mit freien Mitarbeitern, die dem jungen Schnösel überhaupt nichts zutrauten, laufend Arder mit dem technischen Betrieb – aber man war Journalist, auf dem besten Wege, ein Egon Erwin Kisch zu werden. Hirngespinste, die die Hektik des Redaktionsalltags erträglich machten. Als der Jagdflieger Anfang September, standesgemäß braungebrannt, wieder an seinen angestammten Platz zurückkehrte, konnte ich stolz vermelden: „Keine besonderen Vorkommnisse.“ Doch er belehrte mich bald darauf, nach diversen Stammtischsitzungen mit den Noblen des Städtchens, eines Besseren: Kaufmann Huber, ein guter Anzeigenkunde, sei sauer, weil ich die Eröffnung einer kleinen Filiale im Nebendorf mit keiner Zeile gewürdigt hätte; der Bürgermeister von Lochhausen drohe mit einer Massenabbestellung, weil der (von ihm geschriebene Jubel-)Artikel nicht erschienen sei und dann, welch eine Untat (!), fehle immer noch der Bericht der vom Chef außerordentlich geschätzten Mitarbeiterin Gerda L. Den Bericht hatte ich im jugendlichen Überschwang einfach in den Papierkorb versenkt, nachdem er mir allzu läppisch erschien. Der Meister verzieh seinem Schüler („Das werden Sie alles noch lernen, junger Mann“) und korrigierte die vermeintlichen Fehler.

Heute, nach siebzehn Berufsjahren, ist das bereits eine Lagerfeuergeschichte aus „grauer Vorzeit“. Vorbei und vergessen? Mitnichten, denn die Frage nach der soliden theoretischen und handwerklichen Ausbildung von Lokalredakteuren stellt sich nach wie vor. Denn was ist das für eine Ausbildung, die nur auf dem Anlern- und Zufallsprinzip beruht? Große Verlage mit Lokal- und Regionalausgaben behelfen sich oft mit hausinternen Ausbildungsplänen und der Bereitstellung sogenannter „Volontärsväter“. Dann gibt es – welch eine Errungenschaft – mehrwöchige, von Verlegern und Berufsorganisationen getragene Anfängerseminare, die das Abc des Journalismus in Form einer „Schnellbleiche“ vermitteln. Komplizierte Fragen des Presserechts, der Kommunalverfassung, der Parteiengeschichte, des Planungswesens, ja selbst die verschiedenen journalistischen Darstellungsmöglichkeiten werden dabei bestenfalls gestreift.