Zu beneiden sind die Finanzchefs großer Unternehmen heute nicht. Viele von innen mußten in der letzten Zeit einfach deshalb Verluste in Kauf nehmen, weil sie die Entwicklung des Dollar-Mark-Kurses nicht richtig vorausgesehen haben. Die meisten von ihnen haben den Versuch einer Prognose ganz aufgegeben und das Risiko durch Kurssicherungsgeschäfte abgedeckt. Aber solche Geschäfte sind teuer. Für ein Land, das mit seinem Außenhandel und seinem Kapitalverkehr so stark mit der übrigen Welt verbunden ist wie die Bundesrepublik, bleibt der Dollarkurs eine kritische Größe.

Rückschauend erscheinen da die Zeiten des guten alten Währungssystems mit festen Wechselkursen in goldenem Licht. Aber man vergißt nur zu leicht, daß die großen Schübe der Wechselkursveränderungen, die bei Ab- und Aufwertungen beschlossen wurden, für Finanzchefs auch kein Zuckerschlecken waren. Dann kam die Periode frei schwankender Wechselkurse und mit ihr die Hoffnung, nun würde es nur noch gleitende Veränderungen bei den Wechselkursen geben. Die Schriftgelehrten der Nationalökonomie schienen auch genau zu wissen, wovon Wechselkursveränderungen abhängen – von der außenwirtschaftlichen Bilanz eines Landes und seiner Inflationsrate.

Diese beiden Größen fest im Visier begab man sich in die zweite Hälfte der siebziger Jahre. Von Mal zu Mal war das Erstaunen größer, daß sich der Dollarkurs so gar nicht nach den Lehrbüchern richten wollte. Und seit Januar 1980 ist es schier ausgeschlossen, etwas Verläßliches darüber zu sagen, wohin die Reise des Dollar gehen würde. Der Dollarkurs vollführte wahre Bocksprünge (siehe Graphik Seite 32). Das Netto-Ergebnis dieser Bewegungen war eine Abwertung der Mark gegenüber dem Dollar um dreißig Prozent in zweieinhalb Jahren.

Die Begründung für den starken Dollar, freilich nur im nachhinein zu geben, war relativ einfach. Seit 1980 wußte man, daß es Notenbankpräsident Volcker mit seinem Kampf gegen die Inflation ernst meinte. Bis Herbst 1981 mußte auch die verbesserte außenwirtschaftliche Lage der USA und das wiedererwachte Vertrauen in die Führungskraft der Regierung Reagan herhalten. Doch als dann klar wurde, daß die neue Mannschaft die Haushaltsprobleme nicht zu lösen imstande ist und mit einem Rekorddefizit die Finanzmärkte schockierte, rechnete man mit einem Schwächeanfall des Dollar. Aber er blieb aus. Es waren die hohen Zinsen, die den Kurs hochhielten.

Die Bestätigung folgte auf dem Fuße. Als Volcker In diesen Tagen die Geldpolitik auf einen neuen Kurs einstimmte, weil er im Kampf gegen die Inflation schon achtunggebietende Erfolge erzielt hat, sanken die Zinsen – und mit ihnen der Dollarkurs. Da haben wir sie wieder, die Ungereimtheit, die Vorhersagen so schwierig macht: Die Zinsen sinken, was möglicherweise den Konjunkturmotor in den USA wieder auf Touren bringen kann, die Inflation ist auf rund fünf Prozent herabgedrückt worden; aber trotz dieser Faktoren, die sicher jeder als positiv einzustufen bereit ist, fällt der Dollar.

Wilfried Guth, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, sieht zwei mögliche Szenarien. Nach dem pessimistischen dauert die Rezession in den USA an, die Haushaltsprobleme bleiben ungelöst, Zinsen und Dollar gehen wieder nach oben. Nach dem optimistischen setzt ein gewisses Wachstum ein, die Zinsen fallen und mit ihnen der Dollar.

Rudolf Herlt