Bundeskanzler Helmut Kohl hatte ja wohl angeordnet, seine Minister sollten sich mit dem Auswechseln der Mitarbeiter etwas Zeit nehmen und vor allem mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Einige Minister – Gerhard Stoltenberg und Heinz Riesenhuber – hatten die Mahnung nicht nötig, andere wieder haben sie offenbar überhört.

Innenminister Friedrich Zimmermann und Verteidigungsminister Manfred Wörner – starke Männer im Kohl-Kabinett – beschlossen das aus ihrer Sicht Notwendige rasch und rigoros. Auch im Kanzleramt selbst war das Mißtrauen der neuen Spitze gegen Schmidts Personal recht groß; es heißt, in den ersten Tagen hätten sich die hohen Herren sogar ihre Photokopien selbst gemacht. Inzwischen aber ist eigenes Personal am Platz.

Bislang stellt sich die Lage etwa wie folgt: von den rund 90 Spitzenpositionen, die bei dem Regierungswechsel allemal zur Disposition stehen, sind etwa zwei Dutzend innerhalb einer Woche mit anderen Leuten besetzt worden. Wird dieses Tempo fortgesetzt, dann ist der Beamtenwechsel in vier Wochen vergessen. Alles deutet jedoch vorerst auf Stagnation, nicht etwa, weil sich die neue Regierung noch einiges für die Zeit nach den Neuwahlen im März nächsten Jahres aufheben möchte, sondern aus einem viel schlichteren Grund: unvorbereitet wie die Union auf den Wechsel war, fehlen ihr offenbar genügend gute Leute.

Ein Glück denn auch, daß sich in dem dreizehn Jahre lang von Sozialdemokraten mitregierten Bonn doch noch einige ganz korrekte Beamte gehalten haben. Ein Beispiel ist der alte und neue Staatssekretär im Forschungsministerium, Hans-Hilger Haunschild, ohne ein Parteibuch und immer nur der Sache verschrieben, bei den Großforschungseinrichtungen wie der Max-Planck-Gesellschaft ebenso geschätzt wie bei großen Subventionsempfängern der Industrie, ob Siemens oder MBB. Haunschild erlebt nun schön den sechsten Forschungsminister, dem et als Staatssekretär dient. Das geht eben nur, wenn man überkonekt ist.

Und Haunschild gilt als solch ein Mann: Am Tag des konstruktiven Mißtrauensvotums, einem Freitag, sprach er einem SPD-Beamten noch hohes Lob aus, indem er ihn beförderte. Am darauffolgenden Montag bekamen die SPD-Beamten aus der Umgebung des alten Ministers keine wichtigen Akten mehr zu Gesicht. Haunschilds Apparat funktioniert, Minister Heinz Riesenhuber wird daran noch seine Freude haben.

Taktgefühl ist eine Sache für sich, das zeigt sich im Zusammenhang mit dem Regierungswechsel nicht nur unmittelbar in Bonn, sondern auch mittelbar. Ein Beispiel: Der Hartmannbund, Verband der Ärzte Deutschlands, veranstaltet am 21. und 22. Oktober seine diesjährige Hauptversammlung. Dazu hat der Hartmannbund-Vorsitzende Hoist Bourmer auch den SPD-Bundestagsabgeordneten Jürgen Egert noch in seiner früheren Funktion als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung eingeladen.

Nun wäre das ja weiter nicht aufregend, wenn die Einladung zur Teilnahme als Ehrengast nicht gerade am 28. September, also drei Tage vor dem Mißtrauensvotum und seinem ungewissen Ausgang herausgegangen wäre, und wenn in dem Bourmer-Brief an Egert nicht gerade folgende Sätze gestanden hätten: "Die Hauptversammlung des Hartmannbundes wird die erste repräsentative Veranstaltung der deutschen Ärzteschaft nach Bildung der neuen Bundesregierung sein."