Warum Rainer Brambach als Lyriker immer im Schatten seines Freundes Günter Eich stand, war mir nie begreiflich, gibt es von ihm doch eine Handvoll Gedichte, die für mich schon heute zum unvergänglichen Bestand deutschsprachiger Lyrik gehören. Brambach, 1917 geborener Sohn eines Kölners, verlegte im Dritten Reich sein Domizil in die Mutterstadt Basel, wo man ihn erst einmal internierte, aber wo er heute noch lebt. Er hat anspruchsvoll wenig geschrieben, doch dieses Wenige hat desto mehr Gewicht, es ist sorgfältiges Substrat einer Existenz, deren Mühseligkeit die Gedichte, so mühelos ihr Ton wirkt, nicht kaschieren können: "In jener Zeit, von der ich dir erzähle, / war ich ein Erdarbeiter, aß mein Brot am Zaun, / trug grobes Hemd, Manchesterhose, Garibaldihut, / und schneuzte meine Nase mit der bloßen Hand." Aus der Studierstube kam Brambach also sicher nicht zur Literatur, sondern aus dem, was man heute "Arbeitszeit" nennt – Brambach arbeitete ja als Steinmetz, Torfstecher und Gärtner. Literatur der Arbeitswelt, das klingt immer ein wenig nach Anspruch auf Ermäßigung, doch den hat Brambach nicht nötig; für ihn waren körperliche und literarische Tätigkeit offenbar nie feindliche Gegensätze, er besorgte die eine wie die andere mit jener Würde, die sich vom "Nichts des Neuen" in keiner Weise anstecken läßt: "Einige Gedichtbände auf dem Regal in der Kammer, / die kleine Fröhlichkeit beim Pfeifen einer / Melodie während der Arbeit am Sandstein und / an regnerischen Sonntagen ein Gang durch / die öffentliche Kunstsammlung. / Im Nebensaal – wenig beachtet – das Bildnis / eines jungen Mannes um 1470, oberdeutsche Schule, / ein wenig bäurisch, vielleicht Troßknecht / oder Steinmetz. / Damals wurde ich gemalt. Verging denn viel Zeit seither?" Überschrieben mit "Bildnis eines jungen Mannes" porträtiert dieses Gedicht auch den älteren, heute 65jährigen Lyriker, dessen Gedichte von Anfang an auf eine herausfordernde Art unabhängig von literarischen Trends wirkten, aber nie jener vermeintlichen "Zeitlosigkeit" verfielen, die stets nur Zeichen für ein kaltes Herz ist. Und das hat Brambach sicher nicht. Was sich in seiner Lyrik als Verwandtschaft zu anderer – etwa der Günter Eichs oder Theodor Kramers – heraushören läßt, scheint mir denn auch mehr Seelen- als Stilverwandtschaft. Gut könnte ich mir jedenfalls den Wirtshaustisch denken, an dem Kramer, Eich und Brambach zusammen zechen. Daß Brambach mehr als bloß Durst mit geistigen Getränken verbindet, verraten schon einige seiner Gesammelten Gedichte, die unter dem Titel "Wirf eine Münze auf" als Diogenes-Taschenbuch erschienen sind, aber ausschließlich konzentriert auf "die Kneipe, die die Welt bedeutet", kann man Brambach erleben in dem Bändchen "Kneipenlieder", die er zusammen mit dem weit jüngeren Frank Geerk verfaßt hat – oder sollte man richtiger sagen: die beiden zugeflossen sind? Über die Entstehung dieser Lieder sind sich jedenfalls ihre Urheber nicht mehr ganz im klaren, sie bitten deshalb: "Wie diese Gedichte entstanden sind, das soll uns mal einer sagen!" Vielleicht müßte man im "Sankt Alban Eck", im "Süßen Loch", im "Schwarzen Schaf" oder in einer anderen von Brambach & Geerk frequentierten Basler Beiz einmal die übrigen Gäste fragen, was sie beobachten konnten. Allerdings nahmen die beiden dichtenden Zecher rundum offenbar immer nur ihresgleichen wahr: "Der mit uns trank und zu uns sprach, / einmal war es Catull, / war Bellman, Villon, Li Tai Pe, / sie tranken bis zur Stunde Null." Ein anderes Gedicht, "Burgunder" betitelt, nennt noch weitere Mittrinker im Geiste: Robert Walser, César Vallejo, Jesse Thoor, Günter Eich. Wahrlich keine schlechte Gesellschaft und sei’s auch eine imaginäre. Doch das Imaginäre ist ja gerade das Ziel, das erreicht werden soll unter Mithilfe des Weins, der alles Getrennte verbindet und sogar den alten Claudius zum Zeitgenossen macht: "Was nickt in uns? Wir gehen schlafen. / Schön schwappt der Wein in unserem Bauch. / Verschon der Himmel uns mit seinen Strafen / und unsern blauen Bären auch." Versteht sich, daß diese Kneipenlieder nicht das Gewicht der anderen Brambach-Gedichte haben. Bei einem großen Künstler interessierte ihn auch noch, wie der seine Krawatte binde, hat Hanns Eisler mit Blick auf Schönberg einmal geäußert. Und nur in diesem Sinne interessieren mich Brambach & Geerks Kneipenlieder. Vielleicht läßt sich, wer von ihnen gekostet hat, rasch dazu verlocken, Brambachs eigentliches lyrisches Werk zu entdecken. Arm jeder, der es noch nicht kennt.

(Rainer Brambach: "Wirf eine Münze auf" – Gesammelte Gedichte, mit einem Nachwort von Hans Bender; detebe 20616 Diogenes Verlag, Zürich, 1977; 118 S., 9,80 DM

Brambach & Geerk: "Kneipenlieder", mit Zeichnungen von Tomi Ungerer, detebe 20615. Diogenes Verlag, Zürich, 1982; 80 S., 7,80 DM

Peter Hamm