Von Richard Gaul

Die Wende in Bonn, erzwungen vor allem durch die Krise der deutschen und internationalen Wirtschaft, scheint ausgerechnet in der Ökonomie mehr Verwirrung als Klarheit zu bringen. Kaum hat Finanzminister Stoltenberg die Bürger zu Zuversicht und fröhlichem Konsum aufgefordert, da regt Arbeitsminister Blüm eine Lohnpause an, die entgegengesetzte Wirkung hätte.

Wenn jeder den Gürtel enger schnallen muß, so meint Norbert Blüm, dann sollten doch auch die Tarifparteien nicht zurückstehen und die nächste Lohnerhöhung um ein halbes Jahr verschieben. Die Unternehmen würden Kosten sparen, damit wettbewerbsfähiger werden – und dem Bürger würde der Ernst der Lage deutlich gemacht.

Aber die Volkswirtschaft ist schon längst komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheint. Schon jetzt müssen die Konjunkturpropheten sich immer wieder nach unten korrigieren, weil der Verbraucher anders handelt, als sie es eigentlich in ihren Prognosen erwarten. Schon jetzt sparen die Bundesbürger mehr – und konsumieren weniger – als vorausgesagt, und sie tun es aus Sorge um die Zukunft. Das Krisensignal "Lohnpause" würde den Verbraucher erst recht zur Vorsicht mahnen und dazu noch die Nachfrage mindern. Die Anschaffung eines neuen Autos, einer Geschirrspülmaschine, eines Anzugs würde wiederum verschoben. Die Industrie würde vielleicht wettbewerbsfähiger, aber ohne Absatzchancen gewiß nicht investitionsfreudiger. Die Stagnation würde erst recht zur Rezession.

Die Investitionen sind – auch für Forschung und Innovation – zurückgegangen, weil die Absatzaussichten der Unternehmen sich verschlechterten. Wenn die Investitionsbereitschaft zunehmen soll, dann muß auch der Absatz gefördert werden. Forschung und Innovation kann der Staat den Firmen nicht abnehmen, Er kann nur dafür sorgen, daß hinterher auch Käufer da sind.

Blüm hätte daher die Gewerkschaften ermutigen sollen, auf dem in den letzten Jahren eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Schon zweimal haben sich die Arbeitnehmer in der Bundesrepublik mit Lohnerhöhungen zufriedengegeben, die ihnen nicht den vollen Ausgleich für die steigenden Preise brachten. Dieser Verzicht auf Reallohnerhöhungen zeigt beachtliches Verständnis für wirtschaftliche Notwendigkeiten.

Eine Lohnpause entspricht diesen Notwendigkeiten nicht. Sie strapaziert unnötig den guten Willen der Gewerkschaften; er darf nicht leichtfertig einer Schlagzeile geopfert werden.