Der irische Premierminister Charles Haughey wird sich eines Tages wohl kaum damit herausreden können, nichts gewußt zu haben. Fliegt er an Wochenenden des öfteren mit dem Hubschrauber zu seiner nahegelegenen Privatinsel Inishvickillane. Ständig in Sichtweite: der Strand und die Klippen von Coumeenole in der Nähe von Dingle an der Südwestküste. Dort rostet schon seit Monaten das spanische Container-Schiff "Ranga" vor sich hin, das am 11. März im Sund von Blasket, der zu den gefährlichsten in Irland zählt, vor schweren Stürmen Schutz gesucht hatte und auf die Felsen gedrückt worden war. Seitdem sind rund vierzig Tonnen Öl aus dem Wrack ausgeflossen und haben den Coumeenole-Strand, an dem zahlreiche Szenen des Films "Ryan’s Tochter" gedreht wurden, mit der klebrig zähen Masse überzogen. Dem Vernehmen nach befinden sich in der "Ranga", die bereits große Löcher aufweist, noch weitere 220 Tonnen Öl.

Umweltschützer befürchten, daß das Schiff spätestens im Laufe der heftigen Winterstürme auseinanderbrechen und das Öl weitere Sandstrände im Südwesten Irlands verseuchen wird. Zudem bestehen erhebliche Gefahren für das vielfältige Vogelleben rund um die Dingle-Halbinsel. Während bislang nur vereinzelt Tiere in dem ständig ausfließenden Ölfilm verendeten, würde sich die Bedrohung für die zahlreichen Tölpel, Alken, Kormorane und Möwen um ein Vielfaches erhöhen, falls die Restladung auch noch ins Meer strömte. Unter anderem liegen die Skellig-Felsen, auf denen rund 20 000 Tölpel-Paare nisten und die somit die zweitgrößte Tölpel-Kolonie der Welt beherbergen, nur etwa dreißig Kilometer entfernt.

Trotz der offensichtlichen Gefahren schieben sich die Regierung in Dublin, das regionale Kerry County Council, die Eigentümer und die Versicherer den Schwarzen Peter gegenseitig zu. Sie sehen sich bislang nicht einmal zum Auspumpen des restlichen Öls, geschweige denn zu einer Bergung des Wracks, veranlaßt. Schreiben von irischer Seite an die Besitzerfirma Ason SA in Teneriffa, die Londoner Versicherer Britania Steamship Insurance Association und die spanische Botschaft in Dublin blieben unbeantwortet oder führten zu keinem Ergebnis. "Nobody’s baby" (Niemandes Kind) – lautete kürzlich die Überschrift in einer Lokalzeitung.

Das Ganze weitete sich gar zu einer irischen Lokalposse aus. Ein Anwohner tauchte zu dem Wrack hinüber und verewigte dort zunächst seinen Namenszug – in der Annahme, nun gehöre das Schiff als Strandgut ihm. Als Nachbarn dem Mann erklärten, dann müsse er aber auch für die Reinigunskosten aufkommen, ließ er die Lettern schnell wieder überpinseln.

Den spanischen Eigentümern ist an einer Bergung überhaupt nicht gelegen. Sie nahmen es in Kauf, daß kürzlich – zum Teil am hellichten Tag – der Safe-Inhalt, Radargeräte und sogar Stühle, Türen und Küchen-Spülbecken im Wert von schätzungsweise knapp 200 000 Mark abmontiert wurden.

Der örtliche Senator Tom Fitzgerald kam zu einer erstaunlichen Erkenntnis. Der Strand sei eigentlich gar nicht ölverschmutzt, wiegelte er bei einer Sitzung des Kerry County Council ab. "Keine ernste Angelegenheit", befand auch einer seiner Amtskollegen, Tom Collins. "Wir glauben, daß die Wellen die Spuren des Öls beseitigen werden."

Soviel Ignoranz stößt bei Umweltschützern in Dingle auf Empörung. Doch sie können kaum mehr tun als Unterschriftenlisten auszulegen und hin und wieder den Spuren des Öls an dem mit Schildern fürs Baden gesperrten Strand Vorübergehend zu Leibe zu rücken. Die bislang überraschendste Entschuldigung für die Untätigkeit der Behörden erfand ebenfalls Tom Fitzgerald: "In meinen Augen ist die Ranga eine Touristenattraktion." Er hofft wohl, daß das Wrack an der Westküste auch noch im nächsten Sommer zu bestaunen ist. Wolfgang Plischke