Von Wilfried Kratz

Eines wollte Premierminister Margaret Thatcher "absolut klar machen" und sie tat es auch: "Der öffentliche Gesundheitsdienst ist bei uns sicher." Frau Thatcher nutzte die Plattform, von der sie sich die größte Wirkung einer solchen Erklärung versprach, den Kongreß ihrer konservativen Partei in Brighton. Parteimanager waren erleichtert, als dieser Thatcher-Satz fiel, denn es galt den Schaden zu begrenzen, den eine Studie angerichtet hatte, die im Hause des Premierministers selbst angefertigt worden war.

Der Central Policy Review Staff, ein Gremium von nicht ganz zwei Dutzend "Eierköpfen" aus dem Beamtenapparat, der Wissenschaft und der Wirtschaft, hatte auf Geheiß der Regierung untersucht, wie die sozialen Dienste in einer Zeit der Stagnation finanziert werden können. Einer der vielen Vorschläge betrifft den staatlichen Gesundheitsdienst, für den im laufenden Finanzjahr rund 14,3 Milliarden Pfund ausgegeben werden, von denen rund neunzig Prozent aus dem allgemeinen Steueraufkommen aufgebracht werden. Die Denker, die das Undenkbare denken sollen, ließen sich hier das politisch Unakzeptable einfallen, nämlich eine Überwälzung eines erheblichen Teils der Kosten, vielleicht drei bis vier Milliarden Pfund, auf die Benutzer, die ihrerseits auf die Aufnahme einer privaten Versicherung verwiesen würden.

Von allen Vorschlägen war dieser der explosivste. Auf Betreiben der weniger radikalen Minister unterließ das Kabinett eine eingehende Beratung der gesamten Studie. Aber wenig später drangen Bruchstücke des Papiers in die Öffentlichkeit. Dankbar griff die Labour-Opposition danach und fertigte daraus eine wirkungsvolle Propagandawaffe. Die Siegerin des Falkland-Kriegs wurde präsentiert als die Zerstörerin des Wohlfahrtsstaates im allgemeinen und des Gesundheitsdienstes im besonderen, ausgerechnet des Gesundheitsdienstes, den die Labour Party als das wichtigste Denkmal ihres politischen Wirkens nach dem Krieg feiert.

Frau Thatcher erkannte sehr schnell, daß sie diese Zeitbombe entschärfen mußte, allein schon wegen ihrer Wahlchancen. Reihenweise distanzierten sich ihre Minister von dem Papier, das sich nicht nur mit dem Gesundheitswesen, sondern auch mit Altersversorgung, Erziehung und Verteidigung befaßt. Sie stempelten das "politisch unreife" Zeugnis zu einer Totgeburt, was die Moral seiner Urheber nicht gerade hebt.

Der zuständige Minister Norman Fowler rief den "praktischen Idealismus" der Regierung in tigung der Inflation) fünf Prozent mehr für den Gesundheitsdienst ausgebe, als Labour zuletzt bereitgestellt hatte. Auch von Knickrigkeit gegenüber dem Personal, das seit Monaten einen Lohnkampf gegen die Regierung führt, könne keine Rede sein. Krankenschwestern verdienten jetzt sechzig Prozent und Hilfspersonal fünfzig Prozent mehr als vor Antritt der Regierung.

Auch die Premierministerin selbst wollte die Nation wissen lassen, wie sehr sie sich dem nationalen Gesundheitsdienst verpflichtet fühlt: "Das Prinzip, daß angemessene Gesundheitsversorgung für alle ohne Rücksicht auf ihre Zahlungsfähigkeit zur Verfügung steht, muß die Grundlage jeder Vereinbarung für die Finanzierung des Gesundheitsdienstes sein." Der Dienst, habe unter der konservativen Regierung mehr Ärzte, mehr Pflegepersonal, mehr Geld bekommen. Frau Thatcher verschwieg dabei, daß eine frühere konservative Regierung die geldverbrauchende Gesundheitsbürokratie gewaltig aufgebläht hatte, die nun langsam abgebaut wird.