Hörenswert

Karol Szymanowski: "Orchesterwerke". Am 24. September feierte man seinen 100. Geburtstag – und man feierte einen weitgehend unbekannt Gebliebenen. Polnische Moderne – das sind die Leute nach Lutoslawski, die Penderecki, Baird, Serocki. Aber bevor diese groß und bestimmend werden, den ewigen Schatten Chopin überspringen konnten, mußte – zwischen 1902 und 1937 – Karol Szymanowski zunächst Richard Strauss, dann Prokofieff, schließlich Strawinsky hören, für sich adaptieren und in seine eigene Sprache umsetzen. Eine Anthologie aus Sinfonik, Ballettmusik und Quasi-Oratorium des polnischen Spätromantikers und Frühmodernen kann nur die Perioden aufzeigen, und sie soll auch noch etwas bei uns propagieren, was unter ein falsches Diktum fallen könnte: Folklorismus und falsche Sentimentalität. Was diese Musik für die Selbstfindung einer Nation bedeutete, für die Entwicklung einer eigenen musikalischen Semantik, für die Selbstsicherheit auch von polnischen Interpreten, kann bei uns kaum ermessen werden. So müssen wir uns zufriedengeben mit großer farbiger Orchestersprache, opulentem Ausdruck, vehementer Dynamik, schlagkräftiger Rhythmik, mit ein bißchen Sentimentalität und dem Versuch, sie kühl zu unterlaufen; über alles das hinaus aber mit sehr präziser und spontaner Orchesterkultur, deren Engagement sich hierzulande allenfalls von professioneller Artistik übertreffen läßt. Kaum vorstellbar, daß auch wir nur einen Hauch dieser Identifikation einer Nation mit einem musikalischen Werk, eines Enthusiasmus für etwas für uns Repräsentatives besäßen. (Nationales Sinfonie-Orchester des Polnischen Rundfunks, Leitung: Jacek Kasprzyk, Jerzy Semkow, Antoni Wit; EMI 1 C 165-43 210/12)

Heinz Josef Herbort

souverän geklaut

Billy Joel: "The Nylon Curtain". Wenn man Billy Joel als Pop-Komponisten eines nicht absprechen kann, dann ist es ein hohes Maß an handwerklicher Routine und Cleverness. Seine Beatles jedenfalls kennt er, wie "The Nylon Curtain" fast schon überdeutlich zeigt, aus dem Effeff. Da klingt "Laura" genau Wie eine John-Lennon-Komposition für das "weiße" Album und "A Room Of Our Own" verblüffend wie manche aus der "Beatles For Sale"-Zeit und späteren Solo-Jahren. "Skandinavian-Skies" ist, je nachdem wie man’s sieht, eine Hommage an oder ein Klau bei den Autoren von "Strawberry Fields Forever" und "I’m The Walrus". Für die Showbusiness-Satire "Where’s The Orchestra" sollte er zumindest anteilig Tantiemen an Paul McCartney und Harry Nilsson überweisen, denn die haben ihn hier hörbar inspiriert. Billy Joel hat offenbar auch die Cimino- und Coppola-Filme über den Vietnamkrieg gesehen: "Goodnight Saigon" zitiert zu Beginn und Ende die Eingangssequenz von "Apocalypse Now". Wenn sich da nicht immer wieder zwischendurch; einige bemerkenswerte Texte über Liebesbeziehungen als vampirische Abhängigkeit ("Laura"), das Amerika der Lower Middle Class ("Allentown") und Ehefrust ("A Room Of Our Own") fänden, müßte man ihn als praktizierenden Beatles-Epigonen abschreiben. (CBS 85 959) Franz Schöller

Ärgerlich

"Romy Schneider in ihrem Abschiedsfilm" – und eben das ist, auf diese Schallplatte bezogen, einfach gelogen: Es werden ganze drei Lieder gesungen, jedoch nicht eins von der Schauspielerin, die darauf präsentiert werden soll, selber, man hört auch nicht ein Wort von ihr. Man hört nur, was im Untertitel angesagt wird: die Musik, die Georges Delerue für den Film komponiert hat und die hier, aus dem Zusammenhang geholt, fade wirkt. Es stimmt nicht einmal, daß "Die Spaziergängerin von Sanssouci" Romy Schneiders Abschiedsfilm ist: Sie hat sich nicht damit "verabschiedet", es war nur, leider, ihr letzter, ehe sie starb. So betrügt man Leute um die versprochene Erwartung: kaufmännische Endverwertung einer Toten, ein Werbetrick. (RCA PL 37634) Manfred Sack