Von Heinrich von Tiedemann

Stockholm, im Oktober

Es beginnt mit einem Bad in der Menge. Seit der schwedische Reichstag 1971 aus seinem traditionellen Domizil, einem am Ende des 19. Jahrhunderts errichteten neubarocken Prachtbaus, in das modernistische Kulturhaus in der City umsiedelte, begibt sich jede neugewählte Regierung, sobald der Ministerpräsident seine programmatische Erklärung abgegeben und seine Mannschaft vorgestellt hat, zu Fuß zum Schloß, um den König zu treffen. Olof Palme, sonst eher salopp gekleidet, seit seiner Rückkehr an die Schalthebel jedoch meist in dunklem Tuch und sorgfältig frisiert, nutzte diese Gelegenheit, sich mit Arbeitern an einer Baustelle photographieren zu lassen. Es ging brüderlich zu.

Olof ist wieder populär. Nach zwei Niederlagen hat er endlich zeigen können, daß die Sozialdemokratische Partei Schwedens auch mit ihm siegen kann und damit alle jene Lügen gestraft, die behaupten, er sei zwar ein Hansdampf in außenpolitischen Gassen, lasse daheim jedoch volksnahen Charme und einschlägigen Stallgeruch vermissen. Die rote Rose, seit längerem Symbol der Partei, hat wieder zu blühen begonnen. Auf Rosen freilich wird die Nation in den kommenden Jahren nicht gebettet sein.

Nicht rhetorischen Glanz strahlte seine Rede vor den Volksvertretern aus; sie erinnerte vielmehr an die besorgt vorgetragene Verschreibung eines Arztes, der seinen Patienten vor die Wahl stellt, entweder die bittere Arznei zu schlucken oder sich auf das Schlimmste gefaßt zu machen. Die neue Regierung von Palme, handverlesen und an personellen Überraschungen reich, versteht sich zunächst als Reparaturbetrieb für die Schäden, die in sechs Jahren bürgerlichen Regiments angeblich und tatsächlich entstanden sind. Schweden soll wieder in Schwung gebracht werden, so lautet das Motto, aber hübsch der Reihe nach. Erst muß man dem bergab eilenden Karren nachlaufen, dann ihn bremsen und schließlich ihn langsam wieder aufwärts schieben. Die Ursachen und Wirkungen der Talfahrt gleichen denen anderer westlicher Industrieländer, nur reagiert man in Schweden darauf noch empfindlicher.

Die in 50 Jahren errichtete Wohlfahrtsgesellschaft, das sogenannte "Volksheim", das seinen Bewohnern nahezu vollkommene soziale Sicherheit garantiert, läßt sich nicht ohne Schwierigkeiten demontieren; die allgemein akzeptierte Ideologie, wonach die sozial Schwächsten nicht benachteiligt werden dürfen, bleibt Richtschnur. Schweden ist reich, daran ändern auch Staatsverschuldung, sinkende Produktivität und hohe Arbeitlosigkeit nichts. Nur soll dieser Reichtum nach sozialdemokratischer Denkart gerechter verteilt werden, die Schulden und Verpflichtungen natürlich auch.

Die bürgerlichen Koalitionen, seit 1976 vier an der Zahl, hatten sich den Ruf aufgeladen, eine schlechte Kopie sozialdemokratischer Politik abgeliefert zu haben. Statt, wie angenommen, die öffentliche Hand zur Sparsamkeit zu zwingen, schütteten sie das Füllhorn staatlicher Subventionen über kränkelnde und sterbende Unternehmen aus. Nie zuvor waren so viele unrentable Betriebe mit öffentlichen Mitteln künstlich am Leben gehalten worden. Das Erbe, das Agrarisches Zentrum, Liberale und Konservative übernommen hatten, war nur unentschlossen und zögernd angetreten worden. Was viele befürchtet hatten, sollte sich bald zeigen: Nach mehr als vierzig Jahren sozialdemokratischer Herrschaft hatten sie das Regieren verlernt; die politische Fastenzeit auf den Oppositionsbänken hatte zu Muskelschwund geführt; Koalitionskrisen und Hauskräche waren die Folgen. Der Wähler gab ihnen die Quittung, und weil geringe Verschiebungen von Stimmenanteilen schon das Gleichgewicht verändern, das die politischen Blöcke in Schweden kennzeichnet, konnte Palme schließlich triumphieren.