chen konnten, und vermuteten, niemand in der Welt könne es.

Als sich der Krieg seinem Ende näherte, schien mir zweierlei klar. Erstens war Deutschland, wie auch England und Frankreich, für immer aus dem europäischen Hegemoniekampf ausgeschieden; es gab nur noch zwei Hegemoniekandidaten: Amerika und Rußland. Zweitens war die Welt technisch so zur Einheit, geschrumpft, daß der Kampf nun im eigentlichen Sinn um die Welthegemonie gehen würde. Ich erwartete noch mehrere Weltkriege, zwischen Amerika und Rußland, und, vielleicht, am Ende auch China, Um so tiefer war der Schock von Hiroshima: Also würden diese Kriege mit Atomwaffen ausgetragen werden.

Dieser kurze Bericht genügt, um zu zeigen, wie radikal verschieden meine originäre Denkweise von der des Pionierssohnes und Berufsdiplomaten Kennan war. Für den amerikanischen Pionier ist der Hegemoniekrieg nicht das welthistorische Schicksal, sondern ein unbegreifliches Übel, eine Geisteskrankheit der Europäer. Für den gewissenhaften Diplomaten, jedenfalls unseres Jahrhunderts, ist die Vermeidung des nächsten Kriegs immer die höchste Berufspflicht; das habe ich von meinem Vater gelernt. Das puritanische und aufklärerische Selbstverständnis der amerikanischen Revolution schließlich war, daß die Übel der Machtpolitik europäischer Fürsten in diesem Lande nicht Platz greifen dürften; in diesem Sinne sollte es "Gods own country" sein und später weltweit den "American way of life" propagieren. Heute fürchte ich, daß meine Denkweise der welthistorischen Realität näher war. Der Pionier in der Weite des nordamerikanischen Kontinents lebte für zwei Jahrhunderte in einer historischen Ausnahmesituation, wie sie oft bei ungehinderter Expansion eintritt. Man hatte einen Erdteil zu kolonisieren ohne gleichwertige Gegner; die Ausrottung der Indianer war nicht als Krieg deklariert. In unserernjahrhundert sind die Vereinigten Staaten wider Willen aber unausweichlich eine imperialistische Macht geworden, in dem Augenblick, in dem ihnen weltpolitische Verantwortung zufiel. Der Diplomat Kennan war 1948 in derselben Lage wie Bismarck und Giers siebzig Jahre früher. Um den Frieden zu bewahren, mußte er eine errungene Machtposition stabilisieren. Die Frage war und ist, ob sie stabilisierungsfähiger ist als es diejenige von Bismarck war.

Manche von uns Physikern haben damals alsbald eine viel radikalere Konsequenz gezogen: Die Institution des Krieges müsse nunmenr eliminiert werden. Das war einigermaßen leicht zu denken, solange man naiv im amerikanischen Idyll lebte oder in das ideologische Idyll marxistischer Zukunftshoffnungen floh. Wie aber, wenn man sieht, daß Amerika seine Unschuld längst verloren hat, und daß jeder Versuch, den Marxismus zu realisieren, zu schrecklicheren Machtsystemen geführt hat als zuvor?

Mich hat dieser Gedanke zutiefst verunsichert. Vielleicht ist eben diese Verunsicherung der Ursprung alles dessen, was ich über Politik und Gesellschaft möglicherweise verstanden habe. Ich versuche das in vier Schritten anzudeuten: die Notwendigkeit der Abschaffung des Kriegs, die Unmöglichkeit der Abschaffung des Kriegs, der moralische Wandel und die pragmatische Politik. Der Notwendigkeit der Abschaffung des Kriegs kann ich auf keine Weise ausweichen. In der Friedenspreisrede in der Paulskirche 1963 habe ich gesagt: Der Weltfriede ist Lebensbedingung des technischen Zeitalters. Er muß gewollt und politisch gesichert werden; er stabilisiert sich nicht technisch von selbst. Die Ära begrenzter" JffnegeV". in der wir heute noch leben, ist der Verzicht auf den Einsatz der Atomwaffe, um die Institution des Kriegs zu retten. Aber die technische Entwicklung geht unablässig weiter. Man entwickelt Atomwaffen zu begrenztem Einsatz. Die Hoffnung, zu garantieren, daß sie nie eingesetzt werden, ist Träumerei. Auch werden ander, biologische, chemische Waffen von vergleichbarer Potenz entwickelt. Dem radikalen Wandel der Lebensweise und des Bewußtseins, den die Naturwissenschaft gebracht hat, muß ein ebenso radikaler Wandel der politischen Institutionen und des politischen Bewußtseins folgen; anders können wir nicht überleben.

Die Unmöglichkeit der Abschaffung des Kriegs ist unsere tägliche Erfahrung. Es ist notwendig, darüber nachzudenken, warum das so ist. Unsere sämtlichen politischen Institutionen sind der Existenz der Ultimo, ratio des Kriegs angepaßt; das ändert sich nicht durch Appelle an den guten Willen oder an die Vernunft. Macht als Motiv ist unausweichlich, gerade weil sie sich selbst fast immer defensiv begründet. Man hat freilich in der Vergangenheit lokale bewaffnete Konflikte (von Burg zu Burg, von Stadt zu Stadt) überwinden gelernt durch die doppelte Erfindung der Artillerie und des Territorialstaats. Aber diese Analogie würde besagen, daß die Institutionen des Kriegs erst durch einen letzten Weltkrieg eliminiert würde. Dies ist in der Tat heute das Wahrscheinliche. Der moralische Wandel ist darum unerläßlich. Selbst wenn der Weltfriede durch politische Macht stabilisiert würde, hätte er alle Wahrscheinlichkeit, eine unerträgliche Tyrannei zu werden. Es ist unmöglich, den intellektuellen und technischen Bewußtseinswandel der Neuzeit ohne einen ebenso radikalen moralischen Bewußtseinswandel zu überleben. Der Weg, auf dem wir heute dahin geführt werden, ist das Leiden. Wer die Gefahren voraussieht wie Kennan, dem geschieht das Leiden durch die Erkenntnis.

Die pragmatische Politik, die man machen soll, wenn man all dies erkannt hat, ist das heutige Thema.