Die Hochschulen und die junge Generation brauchen verläßliche Rahmenbedingungen

Von George Turner

Gut fünfzehn Jahre hat man im Hochschulwesen kräftig expandiert, integriert, entprivilegisiert und demokratisiert – aber kaum jemand, so scheint es, hat das honoriert. Heute studieren fast viermal so viele wie früher, gibt es Mitspracherechte und Transparenz wie nie zuvor. Aber das öffentliche Image der Hochschule ist eher schlechter als früher. Die Elfenbeintürme der Bildungselite sind geschleift, aber über die Betonburgen der Massenbildung mag offenbar niemand glücklich werden.

Auch Blätter wie DIE ZEIT, die mit zu den Protagonisten jener Veränderungsprozesse gehört haben, gehen bemerkenswert leichtfüßig auf skeptische Distanz. Die maßgebenden Bildungspolitiker jener Zeit sind ohnehin entweder reprivatisiert oder auf politischem Altenteil im Europaparlament. Die Jünger der Reform – nicht selten selbst Nutznießer der Expansion – haben sich aufs Lamentieren verlegt und verbreiten Griesgram. Öffentliches Gehör findet am ehesten, wer wieder ein Haar in der Suppe gefunden hat: Wer die Hochschulen der betriebswirtschaftlichen Phantasielosigkeit und ökonomischen Ineffizienz bezichtigt, wer sie der gruppenegoistischen Geldverschwendung beschuldigt, ihre Forschung als mittelmäßig entlarvt, das wachsende akademische Proletariat beschwört oder eine zu unrecht ausgesonderte elektronische Schreibmaschine auf dem Hochschulmüll gefunden hat. So entsteht eine öffentliche Unzufriedenheit, die nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich ist: Gerade für die kommenden schwierigen Jahre können wir uns Kleingeist, Mißgunst, Resignation und Konzeptionslosigkeit in der Hochschulpolitik nicht leisten.

Zu den kalkulierbaren Rahmendaten der Politik gehört jedenfalls die starke Ausweitung der Zugangswege zur Hochschule. Die Kultusminister haben gerade in diesen Tagen errechnet, daß in den neunziger Jahren rund 34 bis 38 Prozent eines Altersjahrgangs die Weihen der Hochschulreife erlangen werden (statt derzeit ungefähr 25 Prozent). Diese Prognose ist ein dramatisches Signal. Wenn jeder dritte studieren wollte, dann brauchten wir ein ganz anderes Hochschulsystem als das, das wir trotz aller Reformen noch haben.

Die Ausweitung der Zugangswege wird noch durch die demographische Entwicklung verstärkt. Die geburtenstarken Jahrgänge werden in den nächsten Jahren an den Hochschulen einlösen wollen, was man ihren Eltern bei der Einschulung versprochen hat. Die Kultusminister errechnen daher für das Ende der achtziger Jahre bis zu 1,5 Millionen Studenten (derzeit rund 1,1 Millionen) und erwarten erst für die Mitte der neunziger Jahre wieder Zahlen wie um 1980: Also auch dann immer noch Numerus clausus, Überlast, Überbelegung – und noch lange keine leerstehenden Hochschulen, wie sie einige Finanzminister schon jetzt als Menetekel an die Wand malen.

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