Nach den aufgedeckten Putschplänen

Madrid, im Oktober

Seine Berater haben ihm empfohlen, jeden Wahlkampfauftritt mit einem lokal eingefärbten Bonmot anzufangen. Deshalb beginnt Felipe Gonzalez an diesem Abend in Segovia die Veranstaltung mit dem Satz, daß er vor allem hier, in der alten Bischofsstadt am Rande der Sierra de Guadarrama, überaus pünktlich zu erscheinen hatte. "Denn beim Wahlkampf vor drei Jahren", so erklärt er mit einem freundlichen Blick auf die Tribünen des vollbesetzten Kinosaals, "bin ich fast zwei Stunden zu spät gekommen."

Über solche Nettigkeiten freuen sich nicht nur die älteren Damen im Auditorium, die den heute vierzigjährigen, immer noch jugendlich aussehenden "Felipe" mit einer Aufwallung mütterlicher Gefühle betrachten. Auch auf den Rängen prasselt Beifall los; einige Zuhörer skandieren plötzlich den Sprechchor: "Presidente, Presidente. Fast erschrocken wehrt Gonzalez den Zuruf mit einer drider Moncloa-Palast einzieht. "Der Wechsel ist möglich", meint er besonnen und fügt hinzu, bei den Wahlen am 28. Oktober könne es durchaus eine Mehrheit für eine "neue Regierung" geben.

Doch weder hier noch wenig später in Valladolid entschlüpft ihm eine Anspielung auf jene Meinungsumfragen, die noch vor kurzem einen sicheren Wahlsieg der Sozialisten prophezeiten. Nicht nur in der Bändigung vorschneller Triumphgefühle zeigt sich die Wandlung eines Politikers, der sich im Wahlkampf in der Rolle des gereiften Staatsmannes vorstellt. Seit dem 13. Oktober 1974, ab der damalige Arbeiteranwalt aus Sevilla im französischen Suresnes zum Führer der noch illegal operierenden "Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens" gewählt wurde, hat sich Gonzalez manchen Rollentausch gefallen lassen müssen. Die Dynamik des spanischen Parteiensystems, die ständigen Wechsel von Personen, Programmen und Positionen werden auch in der Persönlichkeit dieses Mannes symbolisiert.

Längst hat er die Attitüde des kecken Herausforderers abgelegt, der noch bei den ersten freien Parlamentswahlen vor fünf Jahren die Losung ausgab, Spanien müsse sich für eine "Ruptura", einen endgültigen Bruch mit der Vergangenheit entscheiden. Aus dem "Hurrican Felipe", der in der Euphorie des Aufbruchs seine Anhänger mit der Vision eines "neuen Spanien" begeisterte, ist ein nachdenklicher, fast zurückhaltender Politiker geworden. Schon bei den Regionalwahlen in Andalusien im Mai, die den Sozialisten die absolute Mehrheit brachten, hatte sich der "Clan Sevillano" um Gonzalez als eine Garde von Nachwuchspolitikern präsentiert, die für einen vorsichtigen, in den Augen mancher Anhänger fast zaghaften Reformkurs plädierten. Immer wieder forderte diese junge, erst im antifranquistischen Widerstand politisch erwachte Mannschaft "Dignidad" – Anstand und Würde, die sie allen Hoffnungen, aber auch Ängsten wie einen Schutzschild entgegenhielt.

Gewiß war der Sieg der spanischen Sozialisten beim großen Wahltest in Andalusien auch einem innerparteilichen Rechtsschwenk zu verdanken, der gegen schärfsten Widerstand durchgefochten worden war. "Sozialdemokratismus" geriet der Minderheit seitdem zum Schimpfwort. Doch auch in der Stunde seines bisher größten Triumphs wollte Felipe Gonzalez nicht verbergen, daß die überraschenden Stimmengewinne in erster Linie jenem Siechtum der regierenden Zentrumspartei UCD zu verdanken waren, die sich selbst zu einer politischen Randgruppe dezimiert und damit ihren Vertrauensvorschuß verschleudert hatte. Am Ende war es aber die moralisch orientierte, von Gesinnungsethik geprägte Haltung des spanischen Sozialistenchefs, welche die Mehrheit der Wähler überzeugte: Hier und nur bei den Sozialisten plädierte eine unverbrauchte, ehrliche, von optimistischem Zukunftsglauben erfüllte Politikergeneration "por el cambio" – für den Wechsel.