Von Christian Graf von Krockow

Am 14. Oktober wird Helmut Schelsky siebzig Jahre alt. Er gehört zu der kleinen Zahl von bedeutenden, ja beherrschenden Persönlichkeiten, die die deutsche Soziologie in der Nachkriegszeit geprägt haben. Die Akademie für Gemeinwirtschaft und die Universitäten in Hamburg, Münster – verbunden mit der Sozialforschungsstelle in Dortmund –, Bielefeld und wiederum Münster bezeichnen die Stationen seines akademischen Weges.

Wie kein anderer hat Schelsky die sozialen Und sozialpsychologischen Konstellationen der deutschen Katastrophe und des Neubeginns erspürt und damit verständlich gemacht, was sonst hinter dem Pathos und den Selbsttäuschungen der "Stunde Null" wie des demokratischen Aufbaus eher verborgen blieb. In seinen "Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart" (zuerst 1953) beschreibt er, wie die Erschütterung oder Zerstörung so vieler Großinstitutionen den einzelnen in persönliche Bindungen und Beziehungen zurückfallen läßt, vor allem in die Zitadelle der Familie – um von da aus zum Kampf um den materiellen Wiederaufstieg anzutreten.

Nur eine andere Seite des gleichen Sachverhalts beschreibt sein Hauptwerk zur Jugendsoziologie, dessen Titel zum Schlagwort wurde; "Die skeptische Generation" (Zuerst 1957). Umständlicher, aber vielleicht noch genauer wäre von einem Anti-Idealismus zu sprechen, der im Schock über die Zerstörungsgewalt und den Mißbrauch idealistischer Opferbereitschaft sich im "Nie wieder!" zur Selbstrechtfertigung formiert. Will man heute im Rückblick die Antriebskräfte des "Wirtschaftswunders" wie der Stabilisierung der Bonner Republik im Kontrast zu der von Weimar halbwegs zutreffend deuten, so bilden Schelskys Schriften einen Hauptschlüssel, wie man ihn sonst schwerlich findet.

Diagnose und Wertung bilden hier eine fugenlose Einheit; wohl selten hat ein gelehrter Autor seine Zeit so genau repräsentiert. Eben darum freilich sah sich Schelsky vom Umbruch der Zeiten, den akademisch das Jahr 1968 markiert, so persönlich betroffen wie auf andere Weise sein Antipode Adorno. Der Gründer der Reformuniversität Bielefeld geriet in bittere Konflikte und trat schließlich den Rückzug nach Münster an, jetzt in die bergende juristische Fakultät. Von hier aus kämpfte er, ein Erfolgsautor der "Tendenzwende", publizistisch gegen den neuen, neo-idealistischen Zeitgeist an.

Und da dieser Zeitgeist sich zunächst und vor allem sozialwissenschaftlich kleidete, stilisierte Schelsky sich zum Anti-Soziologen, der schreiben konnte: "Von diesem Standpunkt aus wird die Soziologie nicht nur in bestimmten Lehren oder Richtungen kritisiert, sondern die Soziologie wird als wissenschaftliches Fach schlechthin ihrer unwissenschaftlichen Wirkungen wegen bezweifelt und abgelehnt, Sicherlich wird man die hier kritisierten Auswirkungen der Soziologie niemals innerhalb der Soziologie durch interne Fachauseinandersetzungen beheben können, sondern ihre heils- und Klassenherrschaftlichen Auswirkungen werden erst aufhören, wenn die Soziologie ihre große Zeitwirkung verliert Und in die Stellung eines ‚esoterischen‘ Fachs zurückgedrängt, also auf einen Personenkreis wieder beschränkt worden ist, der seinen Welterfahrungen nach den Verführungen der Soziologie gewachsen ist."

Wie soll das geschehen? Wem kommt die Autorität und die Macht zu, über Welterfahrung und esoterische Weihen zu entscheiden? Diese Frage läßt nach Schelskys in den Kriegsanfängen abgeschlossener Habilitationsschrift über einen berühmt-berüchtigten Rechtfertiger repressiver Staatsgewalt fragen – nach einer Schrift, um die sich bisher nur Gerüchte rankten. Boshafte Leute behaupteten: Der Autor knie allmorgendlich vor seinem Hausaltar, um dem Schöpfer zu danken, daß dieser durch die Zeitumstände eine Veröffentlichung hinderte. Denn sonst hätte der Verfasser, schuldig gesprochen, niemals seine Nachkriegskarriere machen können. Mit vierzig Jahren Verzögerung wird dieses Werk doch noch vorgestellt: