Rüstungskontrolle und Ost-West-Beziehungen – zwanzig Jahre nach der Kuba-Krise

Von Christoph Bertram

Am 14. Oktober 1962 brachte ein amerikanisches U-2-Aufklärungsflugzeug brisante Fracht zurück, Filme, die schlimmste Befürchtungen in Washington bestätigten: Die Sowjetunion war trotz aller Beteuerungen des Gegenteils emsig dabei, auf Kuba ballistische Raketen mit Zielrichtung Nordamerika zu installieren. Nicht zum erstenmal drohte in der Geschichte des Atomzeitalters ein militärischer Zusammenstoß zwischen den beiden Atomgiganten, aber so nahe war er noch nie erschienen.

Wer damals die Ereignisse miterlebte, erinnert sich noch heute nicht ohne ein erleichterndes Aufatmen, wie die Krise gemeistert wurde. Der amerikanische Präsident, John F. Kennedy, verzichtete bewußt darauf, auf den groben Klotz der sowjetischen Provokation mit dem groben Keil einer Invasion des unbotmäßigen Kuba zu antworten. Er entschied sich statt dessen für eine Seeblockade, um sowjetische Raketenfrachter abzufangen, und er verpflichtete sich, die territoriale Integrität der von Castro kontrollierten Insel zu respektieren, einschließlich der sowjetischen politischen Präsenz, wenn die Sowjetunion die Installationen abbauen und die schon montierten Raketen wieder abtransportieren würde. Sein sowjetischer Gegenspieler Chruschtschow lenkte ein. Festigkeit, Diplomatie und Kompromißbereitschaft trugen den Sieg über die Kriegsgefahr davon.

Blick in den Abgrund

Jene Mischung aus Konfrontation und Diplomatie hat nicht nur den Ausgang der damaligen Krise bestimmt. Sie hat die.Wirklichkeit und die Hoffnungen des nuklearen Zeitalters der letzten zwanzig Jahre entscheidend geprägt, und wir sind noch heute ihre Erben: Die Wirklichkeit, weil die Sowjetunion einen zusätzlichen Ansporn erhielt, den strategischen und konventionellen Gleichstand mit den Vereinigten Staaten zu erreichen. Die Hoffnungen, weil damals die Notwendigkeit einer Regelung des atomaren Rüstungswettlaufs fest ins politische Bewußtsein rückte.

Mit der Kuba-Krise begann das Jahrzehnt der Rüstungskontrolle. Beide Seiten hatten in den Abgrund eines möglichen Atomkrieges geblickt, und beide versuchten nun, durch Verhandlungen und Vereinbarungen die nukleare Wirklichkeit zu bewältigen. Abkommen folgten Schlag auf Schlag: Der Test-Stopp-Vertrag untersagt 1963 atomare Tests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser; im gleichen Jahr wird der heiße Draht zwischen Moskau und Washington vereinbart; 1967 die Stationierung von Massen Vernichtungsmitteln im Weltraum verboten, 1968 der Vertrag gegen die Verbreitung von Atomwaffen geschlossen. 1972 unterschreiben der amerikanische und der sowjetische Staatschef in Moskau das erste Abkommen zur Begrenzung der strategischen Rüstung beider Länder (SALT I) und verzichten auf die Einführung nennenswerter Raketenabwehr.