Eigentlich könnten, sie sich doch auf die Schultern klopfen. Sie täten sogar recht, Aufhebens davon zu machen, was sie in den letzten Jahren geschafft und geschaffen haben, die "Verantwortlichen" und die Bürger von Erlangen. Ist es ihnen denn nicht gelungen, das bei Kommunen so beliebte Stichwort in den Untertitel abzuschieben: "Landesgartenschau"? Haben sie nicht ausdrücklich vermieden, aus farbenstrotzenden Blumenschauen eine teure, kurzlebige Hintertreppe zu bauen, über die sie zum eigentlichen Thema hinabzuschleichen hofften, nämlich die Stadt wieder bewohnbar und erlebbar zu machen? Zwar waren sie schlau genug zu wissen, daß man mit Blumen besonders heftige Aufmerksamkeit wecken kann, aber sie haben keinen Zweifel daran gelassen, daß sie Unter dem Haupttitel ihrer Anstrengung – "Grün in Erlangen ’82" – weniger an Gärten als an die Stadt selber dachten.

Tatsächlich ist es gelungen, der Stadt dort, wo sie alt und eng ist, eine andere Art von Lebendigkeit zu geben als die durch den motorisierten Verkehr oder die verlogene Idyllik reiner Fußgängerzonen: durch "verkehrsberuhigte" Straßen, auf denen sich alle, ob zu Fuß oder auf Rädern, miteinander arrangieren müssen. Die vielen kleinen Erlanger Plätze wurden mit imponierender Zurückhaltung in "Stadträume" zurückverwandelt.

Doch nun, gegen Ende dieser geschickten Stadtverbesserungsaktion, befaßte sich Erlangen tapfer mit dem Thema, von dem es weiß, daß es damit keinen Staat machen kann: mit der neueren Architektur. Die Stadt, die bayerische Architektenkammer und der Heimatverein hatten sowohl Architekten (und nicht wenige, die zur Unansehnlichkeit des Stadtbildes beigetragen haben) als auch kritische Bürger, (die es mit haben ansehen müssen), auch die verantwortliche Verwaltung (die dafür geradezustehen hat) und die Politiker (von denen viel zu wenige erschienen waren) aufgefordert, sich am vergangenen Wochenende mit den letzten "50 Jahren Bauen in Erlangen" auseinanderzusetzen.

Niemand erwartete ein unverhofftes Lob, niemand wollte die Bausünder als die scheinbaren Opfer des Zeitgeistes, dem man alles in die Schuhe schieben kann, freisprechen oder die endlich Ertappten an den Pranger stellen. Es ging darum, sich endlich dessen innezuwerden, was Stadtplaner, Architekten und, nicht wenig, Bauherren gerichtet und angerichtet haben. 50 Gebäude dienten als Beispiele; sie wurden jedes von einem Architekten und einem Bürger beurteilt, dann auf einem Rundgang betrachtet, schließlich besprochen. Man wollte begreifen, warum die im Krieg unzerstörte Stadt so viele Zerstörungen durch Neubauten erfahren hat und warum es keine jüngeren Bauwerke gibt, die Anlaß wären, in Erlangen auszusteigen.

Es war eine ganz einzigartige Unternehmung: Eine Stadt stellt sich selber zur Diskussion, indem sie ihre Architektur genauerer Beachtung aussetzt. Freilich bekäme diese Anstrengung ihren eigentlichen Witz erst, wenn sie Fortsetzungen erführe. Zwar ist nun einem Saal voll Bürgern und Experten (und später manchen Zeitungslesern) klargeworden, was unter ihren Augen – und meistens zu hoch, zu ungefüge und zu glatt, so kalt, so unerhört ignorant und selbstherrlich, dabei so einfältig und platt – in die Höhe geschossen ist. Aber einer drückte dann aus, was alle von dieser Selbstkritik erwarten: einen Konsens für künftige Planungen, eine klare, phantasievoll anzuwendende Konzeption, also Hoffnung.

Die von Großunternehmern wie der Universität und der Firma Siemens unübersehbar geprägte kleine Großstadt sollte ihr Heil nun allerdings nicht in einem verquälten Regionalismus zu finden versuchen, sondern eher in einer dem Ort zuträglichen, aber couragierten Architektur allererster Klasse. So hatte es doch schon ihr Markgraf gehalten, als er die barocke Hugenottenstadt bauen ließ. "Es gibt", sagte der Professor Thomas Sieverts, "kein besseres Kapital für Städte als ihre Architektur." Es hat ihm nicht nur der für derlei Themen offensichtlich empfängliche Oberbürgermeister beigepflichtet. Manfred Sack