Von Reinhard Baumgart

Vor zwei Jahren, in ihrem Erzählungsband "Die Zerreißprobe", hat Gisela Ebner versucht, den wohl berühmtesten Brief der modernen Weltliteratur mit einer Antwort abzufertigen, Kafkas "Brief an den Vater". Der eigentliche Adressat dieser demütigen Anklageschrift, der Galanteriewarenhändler Hermann K., hat ja, soweit wir wissen, den Text nie zu Gesicht bekommen. Seine Antwort jedenfalls existiert nicht.

Nun ist dieser Sohnesbrief eine so kunstvolle Festigung des Leidens, nach allen Seiten derart armiert und gesichert (ein "Advokatenbrief", wie Kafka selbst zugab), daß er unwiderlegbar, uneinnehmbar scheint. Die Ebner versucht also einen Handstreich, mit Hilfe eines trojanischen Pferdes: Sie unterläuft das Kafkasche Leidensmodell mit einer anderen Moral, mit den rechtschaffenen, robusten, bornierten Lebensnormen des geschundenen Kleinbürgers Hermann K., der seinen Sohn, die Prager Bohème und, so darf gefolgert werden, alle Literatur jenseits eines sozialen Realismus einer feinen, nazistischen Unmenschlichkeit überführen soll. Keine Frage, wessen Partei die Autorin dieser Rollenprosa ergreift.

So leicht wollte es eine andere auf Kafka fixierte Briefbeantworterin weder sich noch uns machen –

Ria Endres: "Milena antwortet – Ein Brief; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1982; 125 S., 20,– DM

Denn die Erwartung, daß Ria Endres, über Nacht bekannt geworden durch ihre von Wut inspirierte Abrechnung mit Thomas Bernhards Männerweltbild ("Am Ende angekommen"), nun im Namen von Milena Jesenská das von Kafka immer wieder inszenierte Liebesunglück in ein feministisches Strafgericht hineinziehen würde diese Erwartung lag nahe und wird enttäuscht.