Ich bin ja gespannt, was euch diesmal einfallen wird, um mich am Lesen zu hindern", sagt Karl-Heinz Jakobs und setzt sich so unglücklich schräg neben das Mikrophon, daß man nur mit Mühe seiner "Theatergeschichte" folgen kann, in der ein Autor nicht den Weg auf die Bühne des Theaters findet, wo ein unsichtbares Publikum sein soeben uraufgeführtes Stück bejubelt. Ein Mann in schmieriger, blauer Monteurkluft hält den Autor – in der Geschichte – in den labyrinthischen Räumen hinter der Bühne mit langweilenden Reden fort von dem Ort, wo sein Text Wirkung erzielte. Aber während Jakobs dies vorliest, wird die erzählte Verhinderung für ihn selber Ereignis.

Wie sind in der Marburger Stadthalle. Es ist Literaturtag. Etwa zwanzig aus der DDR "gekommene" Autoren treffen sich in diesem "kalten Land" (wie Siegfried Heinrichs es nennt), weil sich ihnen zu Hause ärgere Bühnenhüter in den Weg stellten, und sie lesen vor, einen ganzen Tag lang, und sie diskutieren, empört, anklagend, die seit den Friedensverhandlungen des VS mit dem Schriftstellerverband der DDR aufgebrochenen Streitfragen. Sie, das sind zum Beispiel: Erich Loest, Helga M. Novak, Gerhard Zwerenz, Wolf Biermann, Horst Krüger, Ulrich Schacht, Gerald Zschorsch, Siegmar Faust, Jürgen Fuchs, Frank-Wolf Matthies.

Biermann hatte die Debatte um den VS eröffnet, die von nun ab das Treffen beherrschte. Biermanns Auftritte sind immer wieder verwunderlich. Er beherrscht die feinen Zwischentöne so gut wie die pathetischen, aufgeblähten Wortballons, die er sogleich selber mit frechem Witz zersticht. Er beklagt sich, er klagt an, er lobt hoch und putzt herunter, aber er ist in allem Jammer viel zu fröhlich, kess, liebestoll – als Emigrant eine geglückte Fehlbesetzung. Sein Publikum beherrscht er spielend; nahtlos geht er über von der Agitation zum kleinen Gedicht, vom politischen Witz zum sehnsüchtigen Lied.

"Mir wird hier noch das Exil vermiest", ruft er aus und legt die Gitarre mit den Saiten nach unten auf den Tisch, auf dem er sitzt (das Mikrophon hat er nicht nötig). "Die Leute reden hier ja alle deutsch! Sie klopfen mir auf die Schulter und sagen: na, nun bist du hier, also zu Hause. In Frankreich war ich gern, denn da war ich mal wirklich in der Fremde ..."

"Verdrehte Welt" (Biermann) in der Tat – sie dürfen schreiben, aber wogegen, für wen? Im Saal zeigt sich kein Gegner und kein Widerredner. Ihr Zeugnis ist erdrückend. "Hier sitzen hundert Jahre Knast auf der Bühne", rief Helga M. Novak. Sie suchen die Annäherung, und sie versuchen anzukommen, und doch grenzen sie sich selbstbewußt oder schüchtern, je nach Person, von ihrem westlichen Publikum ab, wollen nicht umarmt, nicht vereinnahmt werden, wollen ihren Sonderstatus nicht einbüßen, doch sie genießen es deutlich, endlich eine Bühne zu haben. Sie haben die Erfahrung des realen Sozialismus hinter sich, bilden damit eine unsichtbare Kirche; ihr konkretes Leid ist ihre Legitimation, sich zu empören, zu fordern, herauszufordern, stellvertretend zu reden, zu bezeugen. Aber dies ist auch ihr Stoff, den sie nun auf dem westlichen Buchmarkt loswerden wollen, um hier vom Schreiben zu leben – ihre Lage ist kompliziert, um im Jargon der DDR zu reden. "Es tut mir leid, daß auch ich eine Knastgeschichte vorlese, das ist halt unser Los", sagt Siegmar Faust, der als vorletzter am Abend liest.

"Das werden Sie nicht durchhalten", heißt es in einer Geschichte von Siegfried Heinrichs. Diesen Satz richtete ein Behördenvertreter an eine nicht konforme Privatperson. Ein Schlüsselsatz. Das System ist dicht, nach außen und nach innen. Daß sich hier der einzelne ausspricht, sein nicht kolonisiertes Bewußtsein in der einzigen nicht kollektiven Produktionsform zur Geltung bringt, im freien Wort, im eigenen Text, das ist per se schon Widerspruch: Gegenrede. Die Instanzen wollen auch den subjektiven Prozeß beherrschen. Der eigene Weg endet schon bald an Mauern, hinter Mauern.