Entführungen und vorgetäuschte Entführungen sind in Frankreich während der letzten Monate zu einer Art Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln geworden. In allen Fällen sollte Druck auf Mitterrand ausgeübt werden.

Eher grotesk nahm sich im Mai dieses Jahres das Verschwinden des Schriftstellers Jean-Hedern Hallier aus. Für seine Befreiung forderte eine unbekannte Terrorgruppe von Mitterrand die Entlassung der vier kommunistischen Minister aus dem Kabinett. Als das Präsidialamt nicht reagierte, tauchte Hallier wieder auf und ließ verlauten, nun habe er den Glauben an Mitterrand verloren, aber dafür den in die Religion wiedergefunden. Die Geschichte paßte so gut in die egozentrische Gedankenwelt des Künstlers, daß fast niemand die Entführung ernstgenommen hatte. Kaum hatte sich die (mäßige) Erregung in der französischen Presse gelegt, verschwand – diesmal unter ungleich dramatischeren Bedingungen – der rumänische Journalist Virgil Tanase. Sogleich kam der Verdacht auf, der rumänische Geheimdienst habe den unbequemen Kritiker verschwinden lassen. Staatschef. Mitterrand betonte auf einer Pressekonferenz, die Entführung Tanases könne schwere Folgen für die Beziehungen zu Rumänien haben und sagte wenig später einen geplanten Staatsbesuch ab.

Anfang September präsentierte sich der totgeglaubte Tanase einer erstaunten Öffentlichkeit und stellte einen reuigen rumänischen Geheimdienstagenten vor, der den Journalisten angeblich hatte ermorden sollen. Tanase teilte mit, der französische Geheimdienst habe ihn drei Monate lang zum eigenen Schutz – und um die Rumänen zu narren – versteckt gehalten, worauf das Präsidialamt eilig verbreitete, der Staatschef habe von der Komödie natürlich gewußt.

Zu der Serie spektakulärer Entführungen in Frankreich gehört auch der offenbar mit französischer Hilfe begangene Mord an dem marokkanischen Oppositionellen Ben Barka im Jahre 1965, der Agenten des marokkanischen Königs Hassan angelastet wird. Als Neuauflage dieser Affäre erschien den Franzosen deshalb das Verschwinden der marokkanischen Regimekritikerin Khadija Bourequat Ende September. Bei ihrem unerwarteten Wiederauftauchen eine Woche später beschuldigte die Frau denn auch den Geheimdienst des marokkanischen Königs. Die französische Polizei hält diese These allein wegen des Zeitpunkts – zwei Wochen vor dem geplanten Staatsbesuch Mitterrands bei Hassan II. – für unwahrscheinlich. Jörg Reckmann (Paris)