Von Hellmut Becker

Religionsphilosoph, Bildungspolitiker, Erzieher, Kassandra, der Mann, der die Geister rief, Sokrates unter den Journalisten, Wegbereiter der Bildungsreform. Das waren Bezeichnungen aus den Nachrufen, die in den letzten Wochen über Georg Picht in der deutschen Presse erschienen sind. Es fällt uns offenbar schwer, einen Mann richtig zu erkennen, der handelnd und gestaltend, denkend und leidend durch unsere Zeit gegangen ist. In Georg Pichts Leben wuchsen Erleben, Erfahren, Denken und Handeln zu einer Einheit zusammen.

Als ich vor 50 Jahren mit Georg Picht gemeinsam zu studieren begann, hat er mir gleichzeitig die Dichtung Stefan Georges und die Denkwelt Sigmund Freuds vermittelt. Das erste Buch, das er mir schenkte, war Platons „Staat“ in Originaltext und in einer deutschen Übersetzung; aber der Philosoph, mit dem er mich vor allem vertraut machte, war Nietzsche. Zugleich versuchte er, von mir möglichst viele Einzelheiten über das politische Funktionieren des Weimarer Staates zu erfahren. Schon in dem Neunzehnjährigen lebten Kunst, Denken und Politik gleichgewichtig nebeneinander. Als junger Mensch stand Georg Picht vor der Frage, ob er Musiker, Dichter oder Wissenschaftler werden sollte. Seine spätere Frau, die Pianistin und Cembalistin Edith Axenfeld, mit der er schon als Schüler verbunden war, nahm ihm die Musik in gewissem Sinne ab; sie wurde ihr Beruf. Im gemeinsamen Musizieren blieben sie gleichen Ranges. Der in dem jungen Picht starke Fluß lyrischer Dichtung hat sich in sein Denken umgesetzt und spiegelt sich in der ihm eigenen Wortgewalt und den immer wiederkehrenden apokalyptischen Dimensionen seines Denkens. Schließlich ist Wissenschaft Pichts Lebensklima geworden. Als Philosoph wird er in die Geschichte eingehen, aber als Philosoph, für den historisches und politisches Denken Bestandteil von Philosophie waren. Er verstand die Verwirklichung in Institutionen nicht als Gegensatz, sondern als notwendige Auswirkung philosophischen Denkens.

Das von ihm unter schwierigsten Verhältnissen nach dem Kriege neugegründete Landerziehungsheim Birklehof, die Forschungsstätte Platon-Archiv, die er selbst in Verbindung mit dieser Schule aufbaute, und schließlich die Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft, die er 20 Jahre hindurch leitete und der er die starke Position verschafft hat, die sie heute in der geistigen Welt der Bundesrepublik einnimmt, sind drei Beispiele für seine institutionenbildende Kraft. Er gründete eine Schule, als ihm nach dem Kriege die Not der Jugend beispielhafter Hilfe zu bedürfen schien. Er gründete ein wissenschaftliches Archiv, weil er von der Notwendigkeit neuer Organisationsformen in der Wissenschaft ebenso überzeugt war wie von der Wissenschaftsorientierung jeder Bildung, die eine Platon-Forschungsstätte, insbesondere in Verbindung mit einer Schule, sinnvoll erscheinen ließ. Er widmete sich 20 Jahre der Institution, die das Gespräch zwischen Wissenschaft und Kirche auf sich genommen hat, weil für ihn in seinem ganzen Leben wissenschaftliche Zivilisation und Religion keinen Gegensatz darstellten; er war sich ihrer gegenseitigen Abhängigkeit ebenso bewußt wie der Schwierigkeiten, die diesem Gespräch entgegenstehen. Schon im Sommer 1945 schrieb mir Picht, er wolle die Schule mit dem Neuen Testament als Magna Charta gründen. Zugleich berief er sich auf Platon, um mir zu erklären, daß er im Zusammenhang seines philosophischen Denkens unbedingt jetzt eine-praktische Verwirklichung anstreben, müsse. Erst 20 Jahre später entschloß er sich, eine Professur für Religionsphilosopie an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg anzunehmen.

Antike und Christentum

Der Birklehof ist ein 400 Jahre altes Bauernhaus in Hinterzarten, in dem Georg Picht von 1940 bis zu seinem Tode gelebt hat. Birklehof heißt auch ein nahe dem Bauernhaus gelegener herrschaftlicher Landsitz, in dem Georg Picht von seiner Mutter, der Schwester des Romanisten Ernst Robert Curtius, erzogen wurde. So unterschiedliche Männer wie Albert Schweitzer, Charles Du Bos, Eugen Rosenstock und Hermann Kantorowicz gehörten zu ihrem Freundeskreis. Die Asthma-Krankheit des jungen Georg Picht machte die Erziehung durch einen Hauslehrer wünschenswert: Josef Liegle, später Direktor des Preußischen Münzkabinetts und Autor der großen Monographie über ein Münzabbild der verlorengegangenen Zeusstatue des Phidias aus Olympia. In dem Aufsatz „Aus dem Tagebuch eines Schulleiters“ hat Picht diese seltsame Erziehung geschildert. Von seinem 10. bis zu seinem 15. Lebensjahr bestand sein Unterricht fast ausschließlich aus Latein.

Die Atmosphäre des Elternhauses war von der Antike bestimmt, sein Urgroßvater hatte Olympia ausgegraben, sein Urgroßonkel war ein bedeutender Altphilologe. Erst mit 15 Jahren begann Picht eine öffentliche Schule zu besuchen. Sein Vater Werner Picht war ein durch sein ungewöhnliches stilistisches Können ausgezeichneter freier Schriftsteller. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Referent für Erwachsenenbildung im Preußischen Kultusministerium, wo er zusammen mit Eugen Rosenstock die Grundlagen für die deutsche Volkshochschulentwicklung legte. Später war er Direktor am Institut des Völkerbundes für internationale geistige Zusammenarbeit in Paris. Er hat Bedeutendes zur Militärgeschichte geschrieben, aber auch die vielleicht wichtigste deutsche Biographie über Albert Schweitzer.

Das Landerziehungsheim Birklehof war 1932 als Zweigschule der Schule Schloß Salem gegründet worden. Georg Picht war an dieser inzwischen selbständig gewordenen Schule als Lehrer tätig, nachdem er sein altphilologisches Studium abgeschlossen hatte. Er verließ die Schule, als ihr nationalsozialistischer Stil für ihn nicht mehr tragbar war, und ging als Assistent und Lehrbeauftragter an das altertumswissenschaftliche Institut der Universität Freiburg.

Es war ein verblüffender Entschluß, daß der 32jährige Altphilologe unmittelbar nach dem Kriege ohne genügend Verpflegung, ohne vernünftige Heizung, mit mangelhaftem Mobiliar die Internatsschule Birklehof neu gründete. Christentum und Antike waren die Traditionen, an die er anknüpfte, zugleich wandte er sich deutlich gegen die jugendbewegte Tradition der Landerziehungsheime: „Es muß unmißverständlich gesagt werden, daß wir damit nichts mehr zu tun haben. Erziehung ist nicht dazu da, die Welt zu verbessern, im Gegenteil, sie soll auf die Welt, so miserabel wie sie ist, recht vorbereiten.“ Mit dieser Haltung konnte der Birklehof die ungeheuren Schwierigkeiten des Anfangs überstehen. Dabei halfen die von Picht von Anfang an gesuchte Zusammenarbeit mit der französischen Besatzungsmacht und die von ihm ausgehende Faszination, mit der es ihm gelang, Menschen mit den verschiedensten Biographien mit und ohne staatliches Lehrerexamen an dieser Schule zu sammeln. Das reichte von Gelehrten, die den Weg an die Universitäten noch nicht wiedergefunden hatten, bis zu den Witwen gefallener oder von Hitler hingerichteter Offiziere.

In seiner Gründungsansprache am 6. Januar 1946 sagte Picht: „Die Rückkehr zur humanistischen Bildung ist nicht Flucht in die Vergangenheit, sondern ein Weg in die Zukunft, der einzige, der uns geblieben ist... Wie sollen wir in Zukunft bestehen können, wenn wir nicht dort wieder anknüpfen, wo wir einst unser innerstes Wort zu sagen hatten, ein Wort, das kraft Dauerhaftigkeit und Unmittelbarkeit seines Bezuges zu den geistigen Grundlagen des Abendlandes auch europäische Geltung besaß?“ Sehr schnell verband sich die Qualität des Unterrichts mit dem wissenschaftlichen Hintergrund einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten wissenschaftlichen Arbeitsstätte, bei der sich die strenge lexikalische Arbeit an dem gigantischen Plan eines Platon-Lexikons mit regelmäßiger gemeinsamer Interpretation verband.

Es ist wichtig, diesen Anfang von Georg Pichts pädagogischer Arbeit zu kennen. So begreifen wir erst seinen Weg von den Tübinger und Hinterzartener Bildungsreformkonferenzen über die zehnjährige Tätigkeit im Deutschen Ausschuß für Erziehungs- und Bildungswesen mit der bedeutsamen Mitwirkung am Rahmenplan des Deutschen Ausschusses, sein späteres Gutachten über Erwachsenenbildung für das baden-württembergische Kultusministerium und schließlich den radikalen Vorstoß der Aufsätze zur Bildungskatastrophe. Georg Picht als Erzieher begann mit der pädagogischen Praxis. „Der Weg der Erziehung führt durch das nicht ausgesprochene Wort zum verborgenen Werk.“ „Die vornehme Kunst des Erziehers ist die Diskretion.“ Georg Picht hat zehn Jahre lang seine Schule geleitet, genauso lange, wie er vorher angekündigt hatte. Sie ist seitdem notwendigerweise neue und im einzelnen von Georg Pichts Anfang abweichende Wege gegangen. Aber die doppelte Bindung an die Tradition und an die moderne Realität ist Pichts Erbe an dieser Schule geblieben. Auch Pichts Glaube an die prägende Wirkung von Landschaft und die in seinen Schriften vielfach dargestellte besondere Bedeutung der Musik in der Erziehung leben am Landerziehungsheim Birklehof weiter.

Als Kind hatte Georg Picht eine Prinzenerziehung erhalten, wie sie leider deutschen Prinzen kaum je vergönnt gewesen ist. Dieses Aufwachsen in einem überreichen kulturellen Milieu hat ihm weder den Weg zur eigentlichen Not noch den Zugang zu den sozialen Aufgaben unserer Zeit versperrt. Georg Picht hat zu seinen Lehrern oft von der Entpädagogisierung der Erziehung und von der Entmoralisierung der Sitte gesprochen. Ihm war nichts Menschliches fremd. Als Erzieher war ihm auch das Böse vertraut. Als Theologe ging er später an der Hölle nicht vorbei. Nicht zufällig beschäftigt sich der letzte Aufsatz seines letzten Buches „Philosophieren nach Hiroshima und Auschwitz“ mit dem Bösen. Seine Rolle für die Kinder bestand gerade darin, daß der unvermeidliche geistige Abstand immer wieder durch menschliche Nähe aufgehoben wurde; sie spürten die Leidenschaften dieses Menschen, auch wo sie deren Quellen und Ziele im einzelnen nicht verstehen konnten.

Schon als Schulleiter hat er unmittelbar bildungspolitisch gewirkt. Die Landerziehungsheime waren seit der Zeit ihrer großen Gründer nicht gewohnt, miteinander zusammenzuarbeiten. Er hat ihnen gezeigt, daß solidarische Kooperation Voraussetzung von bildungspolitischer Wirksamkeit in unserer Gesellschaft ist. Er hat diese Kooperation nicht nur bei der Gründung der Vereinigung der Landerziehungsheime nach dem Kriege gestiftet, sondern er hat auch Brücken zu anderen Schulen, vor allem zu den Jesuiten in Sankt Blasien und zu den Herrnhutern in Königsfeld im Schwarzwald, zu schlagen gewußt. Bis in die jüngste Zeit hat Picht immer wieder darauf hingewiesen, daß die Demokratie in der Bundesrepublik durch die ungebrochene Tradition obrigkeitsstaatlichen Denkens und das Übergewicht der Bürokratie ständig bedroht sei und daß dem durch die Existenz Freier Schulen entgegengewirkt werden müsse.

Die deutsche Öffentlichkeit hatte Schwierigkeiten, Pichts dialektische Argumentation zu verstehen. Ein Altphilologe, der gegen die Erstarrung des philologisierten Unterrichts kämpfte, und ein Humanist, der zu der Überzeugung gelangt war, „daß die gesamte Struktur unseres Bildungssystems – sein dreigliedriger Stufenbau, die Trennung von Berufsbildung und Allgemeinbildung, die Verkopplung der Zeugnisse mit einem Berechtigungswesen, das die Klassenstruktur der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zementiert, die Vernachlässigung der Erwachsenenbildung und ein durch nichts mehr gedeckter Bildungsbegriff – den gesellschaftlichen Realitäten und der geistigen Lage des 20. Jahrhunderts nicht mehr entspricht“, war schwer zu begreifen. Aber inzwischen wird deutlich, warum die Bildungsreform auch für diesen radikalen Konservativen notwendig war. Freilich hätte er selbst sie weniger bürokratisch und unter Auflösung oder Veränderung des überkommenen Zensuren- und Berechtigungssystems vollzogen. Picht hat die Reformen radikaler und damit humaner gewollt.

Georg Pichts philosophisches Werk liegt nicht als System vor. Aber wenn man die Fülle der Fragmente von der „Verantwortung des Geistes“ (1965) über „Wahrheit, Vernunft, Verantwortung“ (1969) bis zu „Theologie, was ist das?“ (19 77) und „Hier und Jetzt – Philosophieren nach Auschwitz und Hiroshima“ (2 Bände 1980/81) zusammen sieht, werden die Umrisse und die Linien seines Philosophierens deutlich. In der Wissenschaft im allgemeinen und in der Philosophie im besonderen hat unsere Zeit wohl kaum den Beruf zum System. In den nächsten Jahren werden weitere philosophische Arbeiten von Georg Picht erscheinen, mehr als bisher vorliegen. Er hat die Veröffentlichungen seiner voll ausgearbeiteten Vorlesungen, die der Sache nach Buchtexte sind, auf später verschoben. Es besteht aber kein Zweifel, daß diese Vorlesungen, ob sie nun von Aristoteles oder von Kant, von Platon oder Leibniz, von Geschichtsphilosophie oder vom Begriff der Natur und seiner Geschichte handeln, Pichts eigene Position in der Fortführung von Nietzsche und Heidegger noch deutlich machen werden. Dabei wird sich dann auch herausstellen, daß dieser Philosoph in kritischer Nachbarschaft sowohl zu Heidegger als auch zu Adorno gestanden hat.

Utopie und Realität

Eines der wichtigsten Bücher Pichts heißt „Mut zur Utopie“. Die Fähigkeit, die Dialektik von Utopie und Realität, von Theorie und Praxis in jedem einzelnen Denkschritt voll präsent zu halten, macht für mich den Kern des philosophischen Ansatzes von Georg Picht aus. Gerade dadurch hat er in der Erziehung die Spannung zwischen Tradition und Veränderung und in der Philosophie zwischen Denken, Glauben und Politik auf sich nehmen können.

Es hat viele überrascht, als der philosophierende Altphilologe sich mit dem Schöpfer der „Force de frappe“, dem General Pierre Gallois, persönlich auseinandersetzte und ein politisch-philosophisches Essay daraus entwickelte. Es ist vielleicht auch überraschend, Atombombe, Atomenergie, die Probleme der Dritten Welt und die Fragen des Umweltschutzes als philosophische Probleme entwickelt zu sehen. Aber wer das alles einmal im Zusammenhang in sich aufnimmt, dem kann deutlich werden, daß die Wirkungsgeschichte von Georg Picht erst begonnen hat.