Von Kurt Becker

Henry Kissinger, der wortgewaltigste Eider Statesman des Westens, hat einst bei neu gewählten amerikanischen Präsidenten eine besonders gefährliche Untugend konstatiert. Er erkannte in ihnen den ungestümen Drang, sich um jeden Preis vom Vorgänger zu unterscheiden, gerade auch in der für abrupte Wechsel untauglichen Außenpolitik. Kissinger beklagte, daß neue Führungsmannschaften erst einmal alles anders zu machen versuchen und auch nicht davor zurückschrecken, alte Bäume bloß deshalb auszureißen um nachzusehen, ob sie noch Wurzeln haben.

Die Bundesrepublik hat die Folgen dieses Handelns einige Male von anderen zu spüren bekommen. Aber auf den jüngsten Bonner Wechsel trifft Kissingers Befund nicht zu. Hier zeichnet sich eher das Gegenteil ab. So hat Helmut Schmidt am vorletzten Tage seiner Kanzlerschaft vor dem Diplomatischen Korps um Vertrauen in die Stetigkeit der Bonner Friedenspolitik geworben, und Helmut Kohl eilte nach seiner Wahl nach Paris zu Staatspräsident François Mitterrand, um seinen Willen zur gradlinigen Fortführung der Außenpolitik zu beteuern.

Endgültigen präzisen Aufschluß über die Kontinuität der Außenpolitik kann später nur die Praxis geben. In achteinhalb Jahren Kanzlerschaft hat Helmut Schmidt ja nicht nur die Architektur einer auf Dauer angelegten Außenpolitik geschaffen. Erst durch ihre Handhabung in vielen Krisensituationen und Gipfelgesprächen hat er dieser Politik zur weltweiten Beachtung verholfen. Durch gedankliche Kraft und Augenmaß im Ausgleich gegensätzlicher Interessen wurde Helmut Schmidt zum herausragenden Staatsmann der westlichen Welt. Äußere Sicherheit für die Bundesrepublik und die volle Entfaltung der zweitgrößten Handelsnation der Welt hat Schmidt als eine Einheit betrachtet. Die Erhaltung des Friedens, die Anstrengung um friedliche Lösungen, haben seine politische Arbeit beherrscht. Aus, der Hinterlassenschaft an seinen Nachfolger ragen die folgenden Grundlagen heraus:

Erstens: Helmut Schmidt hat sich mit vier amerikanischen Präsidenten einigen müssen. Unter voller Wahrung des unverzichtbaren Verhältnisses zur westlichen Führungsmacht hat er stets natürliche Interessenkollisionen zwischen der Weltmacht und der europäischen Mittelmacht in Kompromisse aufgelöst, die der besonderen Lage der Bundesrepublik an der Nahtstelle zwischen Ost und West gerecht wurden.

Zweitens: Zwischen Bonn und Paris ist ein so intensives freundschaftlich nachbarliches Verhältnis der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Abstimmung entstanden, wie es in der Geschichte Europas ohne Beispiel ist. Dieses Einvernehmen hat auch den Zusammenhalt in der Europäischen Gemeinschaft gefestigt. Die heutige Bedeutung Frankreichs für die eigene Sicherheit hat Schmidt als "ganz dicht hinter Amerika" eingeordnet.

Drittens: Die außenpolitische Bewegungsfreiheit und das internationale Gewicht der Bundesrepublik sind größer als je zuvor; der bewußte Verzicht auf eigenen machtpolitischen Ehrgeiz geht einher mit der Überzeugung, daß die Bundesrepublik nie allein dastehen darf, daß Sicherheit und internationaler Einfluß nur im Verbund mit engen Partnern gewonnen werden können.