Erlebnisse auf einem Distanzritt

Von Hanjo Döring

Als einen schwachen Steinwurf entfernt der Vollmond in einem kleinen See lag, war die Versuchung groß: Aus dem Sattel, dem Pferd die Trense aus dem Maul, in Hemd und Hose in dieses verlockende Angebot tauchen und dann zwischen Riedgras, Enzian und Primel den Sonnenaufgang abwarten. Das war bei Kilometer 150 und gegen zwei Uhr nachts. Zehn Kilometer vor dem Ziel. Lächerliche zehn mal tausend Meter vor dem Punkt, wo nichts anders mehr zu tun war, als sich das Schuhwerk von den geschundenen Füßen zu ziehen, Wasser über den Kopf und eine Dose Bier in den Hals zu schütten.

Keine Spur solcher moralischer Turbulenzen gut 20 Stunden früher: Über das Kopfsteinpflaster des schlaftrunkenen Lenzburg in der Schweiz führen 18 Reiter ihre Pferde zum Start des schwersten europäischen Distanzrittes über 100 Meilen oder 160 Kilometer. Nicht der Anflug eines Gedankens an körperliche Schwäche, schwankende Moral. Die Ungewißheit, das Ziel überhaupt zu erreichen, ist dennoch da, greifbar zwischen den unruhigen Pferdeleibern. Ein paar lockere Sprüche, ein hastiger Zug aus der Zigarette betäuben nur zum Schein. Drei – zwei – eins – null schickt das Megaphon das Feld auf die Stecke.

Nervosität bei den hoch im Blut stehenden Pferden, Gelassenheit bei den kleinen Dickfelligen, dazwischen gebogene Hälse und schlagende Schweife der Hengste – ein Knäuel aus Muskeln und Leder, das sich aber bald nach Stockmaß und Rassen sortiert. Und sicherlich auch nach den unterschiedlichen Zielen der Reiter, die allesamt den Schnabelsberger Cup als den Höhepunkt der Saison weiten.

Schon nach einem Dutzend Kilometer kennt jeder die Absichten des anderen: In der Spitzengruppe die Reiter mit den Pferden, die sich für solche Distanzen am besten eignen – den Arabern. Es ist selbstverständlich, daß man hier auf Sieg reitet. Mit vorläufig geringem Abstand folgen die ausdauernden Kleinpferde, Haflinger, Isländer und Fjordpferde, die von ihren Reitern auf eine gute Plazierung geritten werden, und am Ende jene Distanzreiter, die den Ritt nicht als Rennen, sondern als Ausdauerprüfung für Pferd und Reiter verstehen, dabei die Maximalzeit von 24 Stunden möglichst bis zur letzten Minute ausnutzen, um dann ihre Pferde im Ziel in einer makellosen Verfassung vorstellen zu können.