Siles Zuazo, der große alte Mann Boliviens, hat fünf Präsidentschaftswahlen gewonnen, aber nur eine Periode (1956 bis 1960) vollenden können. Insgesamt 21 mal wurde er ins Exil gejagt, wo er 15 Jahre verbrachte; für das Militär war der erfolgreiche Revolutionär von 1952 immer ein rotes Tuch. Und viele fürchten, daß sich daran nichts geändert hat. Unter diesem Menetekel übernahm der 68 Jahre alte Siles jetzt wieder die Präsidentschaft.

Im April 1952 glückte Zuazo die Revolution. Sie brachte dem Andenstaat drei Errungenschaften: eine Landreform, die Verstaatlichung der Minen und das allgemeine Wahlrecht. Den vierten Erfolg – die Abschaffung des Militärs – gab Siles Nachfolger freiwillig preis. Seitdem vertritt das Militär die Interessen des Bürgertums; Bolivien wurde zum Synonym für Militärputsch.

Zum letztenmal putschte es 1980 und hinderte Siles, der in den Wahlen die relative Mehrheit gewonnen hatte, daran, sein Amt anzutreten. Zwei Jahre mühten sich die Offiziere, das arme Land aus der Krise herauszuführen, die sie mit dem schwungvollen Coca-Handel nur verschlimmerten. Dann erzwang ein Generalstreik ihre Kapitulation.

Don Hernán, populär und integer, übernimmt eine unbequeme Aufgabe. Hohe Arbeitslosigkeit, hohe Inflation und hohe Auslandsverschuldung lassen wenig Spielraum. Der Internationale Währungsfonds verlangt für die dringend benötigten Kredite ein schmerzhaftes Sparprogramm. Dein opponieren die Gewerkschaften entschieden. Ohne ihren kämpferischen Widerstand wären die Militärs nicht in die Kaserne zurückgekehrt – ohne Auslandskredite kann Siles sein Notprogramm gegen die Krise nicht finanzieren.

Mit "links" ist die Politik des Präsidenten nur unzulänglich umschrieben. Der Staat bestimmt über 70 Prozent der Produktion, in erster Linie Zinnminen; er kann sich von diesen defizitären Unternehmen im Moment gar nicht trennen. Im Staatsapparat wuchern Korruption und Vetternwirtschaft; die Verwaltung ist verfilzt und ineffizient. Alle Versuche, diese Ergebnisse der Revolution zu reformieren, sind bislang gescheitert.

Die Militärs lauern auf Siles’ Scheitern. Sie haben sich als Staat im Staat fest etabliert und mit dem Rauschgifthandel eine lukrative Nebenwirtschaft aufgezogen. Ihr Respekt vor den zivilen Politikern ist gering; als einzige Gegenkraft haben sich die Gewerkschaften herausgestellt: Zwischen diesen beiden Machtzentren muß Siles hindurchsteuern. H. B.