Der japanische Ministerpräsident Zenko Suzuki wird im November zurücktreten. Grund: Er will seine Partei keiner Zerreißprobe aussetzen.

Mit Premier Suzuki ist innerhalb von vier Jahren der zweite japanische Regierungschef ein Opfer seiner Politik allseits gefälliger Staatsverschuldung geworden. Im November 1978 war Regierungschef Fukuda wegen seiner damaligen Rekordverschuldung von der eigenen Liberaldemokratischen Partei (LDP) aus dem Verkehr gezogen worden. Nun entdeckte Suzuki zu seiner eigenen Überraschung, daß sein Verbleiben im Amt die "Konfusion" bei seinen Parteifreunden über Gebühr fördern werde.

Als der wortkarge Politiker im Sommer 1980 nach dem Wahlkampftod von Amtsvorgänger Ohira plötzlich auf den Sessel des Partei- und Regierungschefs – die LDP nominiert traditionell ihren Vorsitzenden zum Ministerpräsidenten – katapultiert wurde, galt er als der kleinste gemeinsame Nenner: ein Mann ohne Eigenschaften und der Statthalter des zwar durch den Lockheed-Bestechungsprozeß ramponierten, aber immer noch mächtigen Expremiers Tanaka.

Die LDP hatte die anrollende Schuldenlawine der öffentlichen Hände zum Staatsfeind Numero Eins erklärt. Prompt tat Suzuki wie ihm geheißen und erklärte die Haushaltssanierung zum Leitziel seines Kabinetts. Die Budgetsanierung sollte ohne große Opfer und vor allem ohne Steuererhöhungen durchgestanden werden, gelobte der neue LDP-Chef; er verknüpfte damit sein politisches Überleben und landete einen Überraschungscoup: Er begann wider Erwarten zu führen. Das konnte jedoch nicht gutgehen, denn es gefährdete den Bestand der Partei. Deren sensibles Machtgleichgewicht aus einigen Hausmachtfürsten – meist ehemaligen Regierungschefs samt Trabanten und Vasallen – lebt von wechselnden Allianzen und Intrigen. Das Dilemma jedes Partei- und Regierungschefs: Wer führt, muß Verantwortung tragen und ist damit schon zum Mißerfolg verurteilt.

Seit Mai 1981 fand die Partei sachlichen Anlaß, Suzukis Profilierung zu verübeln: Tokio beugte sich den Handelspartnern, verordnete Nippons mächtiger Autoindustrie Export-Selbstbeschränkungen und hielt plötzlich auf mehr Ausgleich im Außenhandel. Suzuki sprach sogar von ersten Opfern. Deshalb hing schon bald ihm und nicht etwa seiner Partei eine Dolchstoßlegende an: Japan, so hieß es, sei zwar auf dem freien Weltmarkt unbesiegt, werde aber von der eigenen Regierung ans Ausland verkauft.

Von nun an lief alles wie vorhersehbar ab: Suzukis Politik führte vom mangelnden Exportschub über fallende Steuereinnahmen zu unkontrolliert wachsender Staatsverschuldung. Im Sommer dieses Jahres war seine Staatskunst bei der Frage nach der Verteilung der Opfer angelangt. Die LDP geriet in helle Panik, denn die Austerity-Politik hätte die Partei mit dem Stigma des Verlierers gezeichnet. In einem unerhörten Kraftakt eilte Suzuki der LDP ein letztes Mal zur Hilfe. Er erklärte am 16. September den Fiskalnotstand und vergaß seinen Schwur, die Steuerschraube ruhen zu lassen. Nicht der LDP und nicht seinen Führungsqualitäten sei der Notstand anzulasten, das war seine Erklärung, sondern höherer Gewalt und der Weltkonjunktur.

Der glücklose Sanierer durfte am vergangenen Freitag noch einen mageren Nachtragshaushalt einbringen. Dann aber rechneten die Hausmachtführer Fukuda und Miki mit Suzuki ab. Wirtschaftsplanungsamts-Chef Komoto, Verfechter einer Konjunkturpolitik kühner Industrienähe, und Wirtschaftsminister Abe meinten, daß Schulden viel diskreter sind als die Verteilung des Mangels.

Die LDP hält die Sanierung ihres Images für das oberste Ziel aller Regierungspolitik. Ironie der Geschichte: Suzukis Scheitern wird seine Position in den Reihen der LDP stark aufwerten, er ist wieder integriert. HelmutBecker (Tokio)