Hamburg

Dreitausend Jugendliche suchen derzeit in Hamburg eine Lehrstelle. Die Aussichten, einen Ausbildungsplatz zu finden aber sind bekanntlich gering. Im Stadtteil Ottensen greift eine Gruppe junger Lehrer, Handwerksmeister und Ingenieure nun zur Selbsthilfe. Auf dem ehemaligen Gelände der Seifen-Fabrik Dralle, dessen Werkhallen und Büros seit 1976 leerstehen, wollen sie ein "Zentrum für alternative Arbeit und Kultur" schaffen. Ziel der Initiative: "Durch Kooperation mehrerer Betriebe und Projektgruppen wirtschaftlicher und sozialer Depression in einem überschaubaren Arbeitsfeld entgegenzuwirken."

Fast ein Viertel der Einwohner Ottensens sind Ausländer. Besonders die jungen Türken haben es schwer, Lehrstellen zu finden. Ihnen wollen die Leute der kürzlich gegründeten "Werkhof GmbH" eine Chance geben. Es geht ihnen aber auch darum zu verhindern, daß deutsche Jugendliche in einer "modischen Protestattitüde" no future verharren. Jugendliche "Problemgruppen" sollen eine qualifizierte Berufsausbildung bei Kommen.

In den ungenutzten Fabrikhallen sollen demnächst ein Maurerbetrieb, eine Tischlerei und eine Klempnerwerkstatt entstehen. Ein neues, ein "aufgeschlossenes Handwerk" ist das Ziel, also verschiedene bei der Instandsetzung und Modernisierung von Wohnungen anfallende Arbeiten "kooperativ auszuführen, ohne daß beispielsweise sechs unterschiedliche Firmen beauftragt werden müssen." So die Pläne der "Bildungswerkstatt Altona", einer der im Werkhof zusammengeschlossenen Initiativen. 40 Ausbildungsplätze für benachteiligte Jugendliche, die ihren Hauptschulabschluß nachgeholt haben, sollen bald angeboten werden. Nach Gesprächen mit dem Bundesbildungsministerium und dem Hamburger Amt für Berufs- und Weiterbildung erhofft Martin Scheuermann, 33jähriger Gewerbelehrer und Mitbegründer der Bildungswerkstatt, Zuschüsse aus der "Benachteiligten-Förderung" des Arbeitsamtes.

Handwerkliche Selbsthilfe ist jedoch nur ein Teil der im Werkhof geplanten Aktionen. Auch die kulturelle, Szene des Stadtteils soll belebt werden. Ein "Medienhaus" für Video- und Filmarbeit ist ebenso vorgesehen wie Räume für das Kabarett "Keulenspiegel". Bereits jetzt belegt die "Werkstatt 3" mehrere Stockwerke im Haupthaus der ehemaligen Dralle-Fabrik. In der Werkstatt 3 haben sich zehn Gruppen und Vereine zusammengetan, deren gemeinsames Ziel es ist, über die Probleme der Entwicklungsländer zu informieren. Das "Aktionszentrum Dritte Welt" versorgt von hier aus die Dritte-Welt-Läden in ganz Norddeutschland mit Waren. Auch die seit zehn Jahren erscheinende Zeitschrift Entwicklungspolitische Korrespondenz hat hier ihre Redaktionsräume. Einige Treppen höher produziert die Tageszeitung (taz) ihren Hamburg-Teil.

Das Selbsthilfeprojekt der Werkhof-Gruppen drohte lange Zeit am Widerstand der Hauseigentümer zu scheitern, die auf dem Gelände lieber Wohnungen errichten wollten. Ein entsprechender Antrag war vom Bauamt Altona bereits 1979 genehmigt worden. Der Werkhof möchte mit den Eigentümern einen Erbbaurechtsvertrag abschließen. Die Verhandlungen scheinen kurz vor dem Erfolg zu stehen, nachdem die Finanzierung des Vorhabens inzwischen gesichert ist. Bei geschätzten Gesamtkosten von 2,5 Millionen Mark stehen eine Million an Privatmitteln zur Verfügung, der Rest soll durch Kredite aufgebracht werden.

Werkhof-Geschäftsführer Peter Jorzick hofft, daß der Vertrag rückwirkend zum 1. Oktober in Kraft treten kann. Sollte man sich einig werden, kann mit dem großen Aufräumen auf dem Fabrikgelände begonnen werden. Noch sind die meisten Fenster nur notdürftig mit Plastikfolie abgedeckt, bröckelt überall der Putz, sprießt Unkraut aus Ritzen und Dächern.

Einige Gruppen wollten den Vertragsabschluß allerdings nicht abwarten und begannen schon vor Wochen, sich in den Fabrikgebäuden häuslich einzurichten. Die Tageszeitung, die gern ihre Redaktionsräume erweitern möchte, plädierte für vollendete Tatsachen: "Wichtig ist vor allem, für die anstehenden Verhandlungen ein schon gut funktionierendes Kommunikationszentrum präsentieren zu können." Die Bildungswerkstatt distanzierte sich von diesem Aufruf zur Besetzung des Geländes. Sie setzte auf die Verhandlungen mit den Eigentümern. Ihre Geduld scheint sich jetzt auszuzahlen. Matthias Naß