Waren Sie kürzlich in Frankfurt? Dann könnten Sie ihm begegnet sein, in der Stadtmitte auf der Freßgaß, der Fußgängerzone, wo die schönen Mädchen aus der Werbebranche mit Vorzug flanieren. Dort steht er, immer in der Nähe eines Busens, ein kurzbeiniger, gedrungener Mensch, der mit vielen flinken Gesten und einem unaufhaltsamen Schwall von Worten die Aufmerksamkeit der Dame zu erwecken versucht; Einen Bauch hat er und einen genußsüchtigen sinnlichen Mund und einen Blick, der die Straße umkreist wie ein Hirtenhund. Beflissen grüßt er nach links und nach rechts. Wenn Sie so einen gesehen haben, dann war es Alfred Edel.

Wenn Sie zufällig vor einer der mäßig eleganten Schaufensterauslagen stehengeblieben wären, dann hätten Sie ihn tönen hören: "Viele Romane verblassen gegenüber meiner Phantasie." Oder, wenn Ihm die Dame schon halb das Ohr geschenkt hat: "Ach wissen S’, neulich meine Diskussion mit Herzog, Sie, kennen S’ den Herzog?"

Ahnen Sie, was so einer von Beruf ist? Natürlich, ein Schauspieler. Mit Marlon Brando freilich verbindet ihn nur ein fast identisches Profil, denn Brando kann spielen. Alfred Edel wird als Schauspieler in Filmen eingesetzt, kann aber keine Rollen spielen. Er spielt nur sich selbst. Aber davon später.

Wo könnte so einer wohl herkommen? Die sengende Sonne Niedersachsens wird ihn wohl kaum beschienen haben, die trocknet ja auch eher das Hirn aus (Edel hat ein sehr lebendiges und hochintellektuelles Hirn). Badenser? Das Ländle gebiert vielleicht Freiheitskämpfer, aber keine Komiker. Also? Richtig, den Edel hat uns der Bayerische Wald beschert. Und der muß in Alfreds Jugend sehr schwarz und schweigend gestanden und in ihm den bis heute andauernden Zwang erzeugt haben, die Stille mit Wörtern überwältigen zu wollen.

Er ist ein Abensberger, Jahrgang ’32. Hauptschule, Gymnasium, zwiscnendurch Regensburger Domspatz: die normalen Stationen in einer Biographie, die erst später ungewöhnlich werden sollte. Dann, 1953, noch München, rein in die Uni: "Drauflos studiert in Soziologie, Philosophie, Theaterwissenschaften, Jura, aber eher am Rande immatrikuliert."

Hauptstudium in den Schwabinger Kneipen, wo er von der Bohème die Lust am Schwadronieren lernte. "Gemütlich war’s." In seiner niederbayerischen Phantasie spukten noch die Gestalten von Karl May, dem Lieblingsautor seiner Jünglingsjahre, als er in irgendeiner Kneipe mit der Avantgarde die ersten gemeinsamen Bierchen schluckte: Der Filmtheoretiker Enno Patalas zechte da mit, Herhaus, Herburger, Nettelbeck und der selige Karl Valentin schwebte über den Häuptern. "Frauen waren nur peripher vertreten, die wollten unsere Harmonie nicht und suchten uns zu bekehren, und Bekehrung, das nenne ich emotionale Erpressung."

Wenn ich ihn diesen Artikel hätte schreiben lassen – und am liebsten hätte er sein Porträt selbst geschrieben –, müßte man wohl eher solches lesen: "Ich war damals stark befangen in der Auseinandersetzung mit dem Katholizismus und der Aufklärung. Alles aus dem Umkreis der Heiligen Schrift hat mich stark fasziniert. Und dann Max Weber! Mein Gott, er hat mich tief beeinflußt!"