Friedrich Zimmermann: ein lebensnaher Machiavellist, der seinen Ruf bestätigt

Von Hermann Rudolph

Nun hat er also den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erreicht, ist Minister, gar Innenminister, aber schon hat er an jener Front, an der er sich seit Jahren in einem hartnäckigen Abwehrkampf befindet, eine Bataille verloren. Denn Friedrich Zimmermann, der neue Bundesinnenminister, sieht sich seit langem verkannt, als Opfer von Klischees und Vorurteilen. "Der Zimmermann", so versprach er einer wegen seiner Berufung in dieses Amt irritierten Öffentlichkeit, "wird es schon richtig machen, der ist ja ganz Inden als sein Ruf." Doch die Woche war noch nicht zu Ende, da hatte ihn dieser Ruf schon wieder eingeholt.

Dabei geht es weniger um die gut zwanzig Jahre alte Affäre, die seine politischen Gegner seit Jahr und Tag mit nimmermüdem Vergnügen in das Wort vom "Old Schwurhand" ausbrechen läßt, sobald Zimmermanns Name fällt. Die gewiß nicht glänzende, mit einem Meineidverfahren endende Rolle, die er Ende der fünfziger Jahre in jenen Tagdszenen aus Nieder- und Oberbayern gespielt hat, mit denen die CSU ihre landsmannschaftliche Konkurrentin Bayernpartei zur Strecke brachte, ist nun wirklich kein ernst zu nehmender Einwand gegen den Politiker Zimmermann mehr – auch wenn eine Reihe von SPD-Politikern glaubte, sie bei der Bildung der neuen Regierung durch den förmlichen Antrag aufwärmen zu müssen, die Eidesfähigkeit des neuen Ministers zu überprüfen. Zumindest in Bayern haben sich SPD und FDP auch schon längst zu der Einsicht durchgerungen, daß nach über zwanzig Jahren selbst Mord vergeben wird.

Die Umstände von Zimmermanns Amtsantritt haben vielmehr jenem Ruf wieder Nahrung gegeben, auf den er in Bonn seit langem abonniert ist: ein eiserner Besen zu sein, der entschlossen und kaltblütig die Geschäfte der CSU besorgt. Kaum ins Amt eingezogen, machte die Meldung die Runde, die Personalabteilung des Innenministeriums habe die Beschäftigten der Minister-Etage angewiesen, binnen sechs Stunden unter Mitnahme ihres persönlichen Eigentums ihre Arbeitsplätze zu räumen. Wenig später gab Zimmermann drei Abteilungsleitern den Abschied.

Die Kahlschlag-Anweisung für das 11. Stockwerk des Innenministeriums hat der Minister inzwischen als erfunden bezeichnet. Doch was die Ablösung auf der Ebene der Abteilungsleiter angeht, so läßt auch der Umstand, daß sie nur drei der elf Abteilungsleiter betroffen hat und davon zwei Fälle zu rechtfertigen sind – der des Planungschefs Thomsen, eines engen Baum-Vertrauten, und des Leiters der Zentralabteilung, Pagel –, keinen Zweifel daran, daß es sich um einen absichtsvollen, demonstrativen Akt gehandelt hat.

Denn die Abberufung des Dritten im Bunde, des Ministerialdirektors Menke-Glückert, wirft einen langen politischen Schatten. Menke-Glückert hat nicht nur den Umweltschutz von Anfang an entscheidend geprägt und überhaupt erst aus der selbstgenügsamen Naturschützerei eine Umweltpolitik gemacht. Er gehört auch zu dem kleinen Kreis, der die Politik der FDP seit langem formuliert und beeinflußt. Schließlich ist er ein enger Freund des FDP-Vorsitzenden Genscher seit dessen Leipziger Studientagen. Genscher hat sich denn auch zweimal bei Zimmermann für Menke-Glückerts Verbleib eingesetzt. Wenn der neue Minister dennoch von seinem Recht Gebrauch gemacht hat, sich fristlos von ihm zu trennen, so kann das nur als bewußter Affront gegen den Koalitionspartner verstanden werden. So, als weitere Herausforderung ihrer Partei, die die CSU ohnedies lieber draußen als drinnen in der Koalition sähe, ist diese Entscheidung bei den Liberalen denn auch aufgefaßt worden.