Von Michael Naumann

In Dreierrudeln trudeln sie, dauerlaufend, den Sony-Walkman im Ohr, durch New Yorks herbstlichen Central Park, graziöse Kalorienkiller. Die Waden glänzen. Schweißverklebt sind die Satintrikots, von Daumendicke die weißen Gummisohlen: Unansprechbare, weil keineswegs einzuholende, amerikanische Göttinnen sind es, wie Millionen anderer Landsfrauen unterwegs zum neuen Schönheitsideal, der durchtrainierten, fett- und polsterlosen Muskelfrau. Der sehnigen Martina Navratilova ähneln sie, der Marathonläuferin Gayle Olinekova (ganz Schenkelstrecker, Schollen- und Schneidermuskel), etwas hager vielleicht, doch allemal Gestalten, die mit ihrem rechten Bizeps einem seinsungewissen Woody Allen den nötigen Halt gewähren könnten. Seit einem Jahrzehnt "joggen" sie. Nun stemmen sie auch noch Gewichte.

Amerikas Schönheitsideal hat sich, mitsamt den Frauen, aus Hollywoods Putzzimmern verzogen in die geräteverstellten Marterkammern weiblicher Bodybuilder. Hanteln pumpen, Liegestütze, Bodenturnen – die asketische Körperbesessenheit teutonischer Turnvereine feiert in den Vereinigten Staaten, um ihrer nationalen Nebenziele beraubt, unverhoffte Wiederkehr.

Die Heilige der Bewegung ist das ehemalige Sex-Pummelchen der späten 60er Jahre, Jane "Barbarella" Fonda – keine Frau zum Fingerhakeln. Edgar Degas’ Ballerinen wirken im Vergleich wie unbewegliche Matronen; die sportlichen Gebärden der hochdekorierten Filmschauspielerin nähern sich auf bedenkliche Weise den ambivalenten Kunststücken von Schlangenmenschen im Provinz-Variete. Zu betrachten sind Fondas Kraft-Entäußerungen in ihrem dickleibigen "Workout Book", dem Übungsbuch, das nun schon seit 36 Wochen auf der Bestseller-Liste der New York Times steht.

An und für sich gesehen, scheinen die Abbilder von Jane Fonda und ihren turnenden Freundinnen von krasser bis feierlicher Lächerlichkeit – gefrorene Bewegung im Sportwäschekatalog. Der absurde Reiz des Buches aber liegt im offenherzigen Begleittext der Autorin.

vorher: "Ich mißbrauchte meine Gesundheit, hungerte und schluckte weiß Gott wie viele chemische Mittelchen. Im Internat entdeckte ich, wie man durch künstlich herbeigeführtes Erbrechen schlank wird; im College aß ich Dexedrine und als Photomodell ließ ich mir diuretische Pillen verschreiben, die wassertreibend wirkten." Doch eine Rohkostkur um 1976 scheint biochemische Wunder unter der Gehirnschale der berühmten Frau ("Cat Ballou", "They shoot horses") bewirkt zu haben.

Nachher: "In London traf ich einen Homöopathen, dessen Ganzheitsmethode Akupunktur, natürliche Medizin, Chiropraktik und Ernährungskünde umfaßte." Auf die pharmazeutische Existenz folgte die diätetische – die "Krankheit" aber blieb offensichtlich dieselbe: Schlankheitsneurose, Lust zu gefallen. Jane Fonda aß fortan Nüsse, Salate und fing an zu turnen. "Gymnastik", sagt sie heute, "ist Teil meines Lebens geworden. Alles andere kann wegfallen – nur nicht meine Bodenübungen."