"Kein Schüler weit und breit", Geschichten von Inge Pingler. Geschichten nennt es die Autorin. Erlebte Geschichten sind es, nicht erfundene; Situationen eher, Begegnungen in der Schule zwischen einer Lehrerin, die aus ihrer Rolle ausbricht und sich als Mensch auf Menschen einläßt, und ihren Schülern. Ein wichtiges Buch nicht nur, weil es eine Gefühlswirklichkeit sichtbar macht, die meist verdrängt wird, verschüttet bleibt unter Lehrplänen, Zensuren und pädagogischen Theorien. Ein wichtiges Buch auch, weil es mit so einfachen und sparsam gesetzten Worten die Erfahrung für sich selber sprechen läßt ohne unnützes Räsonieren – eine Herausforderung zu genauerem Wahrnehmen und Erfühlen. Und diese bis zur Unscheinbarkeit schlichte, trotz der Offenheit, mit der auch von erotischen Gefühlen gesprochen wird, geradezu keusch zu nennende Kargheit hat durchaus ihre literarische Qualität. Ein tapferes Buch auch: Kein Verleger wollte es, und so gab die Autorin es im Selbstverlag heraus. (Vertrieb: Rotation, Mehringdamm 51, 1000 Berlin 61; 106 S., 9,– DM.)

Hans Krieger

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"Halbseide", Roman von Robert Dachs. Ein Fehlgriff. Der sechsundzwanzigjährige Robert Dachs wählt sich für seinen ersten Roman, "Halbseide", die fünfziger Jahre zum Thema. Da er sie aus eigenem Erleben kaum kennen kann, setzt sich sein Buch aus all den Klischees zusammen, die uns seit einigen Jahren bei Adenauer-Zeit eher den Gedanken an zaghafte Ausbrüche, als an verschwitzte Nyltesthemden einzugeben versuchen. Blondinen, Petticoat, Pferdeschwanz, Schmalzlocke, Musikbox und Rimini heißen die Variablen dieser Geschichte, die gleichermaßen beliebig wäre, würde statt dessen von Salzletten, Tropfkerzen oder Haarschuppen die Rede sein. Bereits auf den ersten zwölf Seiten findet sich 19mal in verschiedenen Kombinationen das Wort Milch, denn das jugendliche Lebensgefühl entstand damals wohl hauptsächlich in der Milchbar. Nichts Eigenes hat Dachs hier geschaffen, sondern ein Sammelsurium an Situationen, in die sich eine doch nicht ganz so dumpfe Jugend damals begeben hat. Die Sprache ist sprunghaft, die Szenen sind abgehackt, weil es für Dachs eigentlich auch nichts zu beschreiben gibt. (Arche Verlag, Zürich, 1981; 109S., 19,80 DM.)

Armgard Seegers