Bremen: "Natur – Landschaft – Knast"

Klar und ästhetisch ist die Ausstellung in hellen, großzügigen Räumen aufgebaut. Übersichtlich gerade Flächen, helle Töne – überwiegend Grau, lichte Brauntöne und gedämpftes Grün –, gerade Linien, nüchterne, wohlgeordnete und sparsame Sachlichkeit bestimmen die Atmosphäre, in der Kunstwerke zum Thema Natur zu sehen sind. Die meisten Bilder, Zeichnungen und Objekte entsprechen dem fast kühl-distanzierten Ton, den die Ausstellungsumgebung anschlägt. In klare Gruppen unterteilt, werden unterschiedliche Möglichkeiten der Begegnung mit Natur und Landschaft vor Augen geführt. Moderne, ungegenständliche und expressiv-spontane Malerei (bei Klaus Ritterbusch und Douglas Swan), künstlerische Photographie (Ger Deckers und Jan Dibbets), die ordnende Auswahl und Anordnung von gefundenen Gräsern, Blättern, Hölzern und Steinen (Eberhard Eckerle, Wolfgang Mally, Richard Long und Herman de Vries) und die Verarbeitung von Dingen wie Ziegenhaar oder Heu und Algen zu Objekten (Ritzi und Peter Jacobi, Bernd-Rüdiger Damerow) zeugen von dem Bemühen der Künstler, uns einen neuen Zugang zur Natur zu schaffen. Aber sind übersichtlich, ruhig und ästhetisch die Stichworte, die uns bei dem Thema Natur zuerst einfallen? Drei Charakteristika kennzeichnen die ausgewählten Kunstwerke: eine weitgehende Ausklammerung des Menschen aus dem Bild oder der Plastik; der Rückzug auf das Einzelding in der Natur und ein neuer kultischmystisch verhangener Symbolwert, der mit der atomistischen Einzelschau verbunden ist. Damit steht der Besucher vor der Frage, ob diese Natur-Kunst ihm einen neuen Fluchtweg aus Arbeitswelt und Politik in eine versunkene Naturmeditation hinein bietet, ob das Natur-Kunstwerk ihm neue Denkanstöße geben kann. Aber schon die Aufsplitterung der Kunst in verschiedene Gattungen schmälster Inhalte läßt den Verdacht aufkommen, daß hier vielleicht eher einem neuen Naturfetischismus gefrönt wird. Am deutlichsten sprechen eine die Ausstellung auf den ersten Blick dominierende Schwemmholzinstallation von Eberhard Eckerle und der Kreis aus Sandsteinen von Richard Long. Sie locken bei dem kunsthistorisch Geübten Gedanken hervor wie, "Komplexität des Einfachen". Richard Longs Sandstein-Kreis kann verstanden werden als ein Gegenwart und Vergangenheit verbindendes Moment, als ein der modernen technisch-wissenschaftlichen Welt ebenso wie den archaischen Lebensformen gemeinsames Symbol. Der unvoreingenommene Besucher aber fragt sich, wieso Kunst sich seit geraumer Zeit zu einem dunklen Symbolismus, einem neuen mythologischen Kult verdichtet. Gerade in unserer von Technik und Wissenschaft bestimmten Welt, die immer weiter von der Natur abrückt, zeigen die ins Museum oder die Ausstellung gebrachten Naturobjekte, wie erschreckend fremd dem Menschen die Natur schon geworden ist. (Kunsthalle Bremen bis zum 24. Oktober, Katalog 16 Mark.)

Elke von Radziewsky

Hamburg: "Janssen ‚Paranoia‘, 40 Pastelle"

Horst Janssen hat unter anderen auch Menschen porträtiert, die ihm gar nicht "gesessen" haben, die längst tot waren, zum Beispiel Newton, Puschkin, Gogol, Dostojewskij, Tschechow, Edgar Alan Poe. Er hat dabei "Vorlagen" benutzt, zeichnerische, malerische, photographische. Aber er hat sich, wenn es Dichter oder Schriftsteller waren, auch mit ihrem literarischen Werk befaßt. Er hat dann nicht etwa nur Oberflächen der Gesichter wiedergegeben. Er hat die Personen quasi aus ihrem Versteck, aus ihrer Abgeschiedenheit hervorgelockt und zu neuem Leben erweckt und für uns erkennbar ins Tageslicht gerückt. Dabei sind auch subjektive Elemente ganz natürlich eingeflossen. Als er Rembrandt porträtierte, war das Resultat gleichsam die Synthese zweier Künstler, Rembrandts und Jarnsens. Dennoch waren es stets Distanz wahrende Begegnungen zwischen dem Künstler und dem Porträtierten. Es scheint sinnvoll, daß Janssen vierzig seiner neuesten, 1982 entstandenen Selbstporträts unter dem Begriff "Paranoia" (eine Gattung der Schizophrenie) zusammengefaßt. Nur ist Janssen nicht der Irre, der im Bewußtsein Gespaltene, er ist der Kopf eines synchronen Doppelbewußtseins (oder noch mehr), aktiv und (fast) passiv zugleich. Er ist, was die riesige Zahl seinerSelbstporträts in seinem gesamten Œuvre erst richtig erklärt, ständig auf der Suche nach seiner Identität: Wer bin ich? Für Selbstgefälligkeit und eitle Selbstbespiegelung gibt es keinen Ort und keine Zeit. Die Schonungslosigkeit beim Porträtieren, die ihn mit vielen Großen der Kunstgeschichte, nicht nur Rembrandt, verbindet, ist daher auch keine (noch so edle) moralische Kategorie, sie entspringt vielmehr dem unbändigen Verlangen, sich selbst zu erkennen und zu ergründen. Er verzerrt, zerklüftet, segmentiert, zerquetscht (wenn es sein muß) sein Gesicht, schwemmt es auf, halbiert, vierteilt es. Oder er kombiniert eine lebendige obere Gesichtshälfte mit einer Totenkopf-Unterhälfte. Ständig tritt er sich selber gegenüber. Das sind quasi zwei Personen, der Frager und der Befragte. Genaugenommen sind es sogar drei, die dritte Person ist der souverän Protokoll führende Zeichner des Dialogs. Es ist eigentlich kein Doppel-, sondern ein Tripelbewußtsein am Werk; Immer, scheint es, wird erst gezeichnet, in die Zeichnung werden dann Pastellfarben, zuweilen stark leuchtend, akkurat eingesetzt, temperamentvoll hingetupft oder hingehaucht. Janssen, der Selbstporträtist, hat in der heutigen Kunstwelt nicht seinesgleichen. (Galerie Brackstedt bis 15. November, Katalog 58 Mark) René Drommert

Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist außerdem bis zum 15. November die Ausstellung zu besichtigen: "Horst Janssen – Retrospektive auf Verdacht".

Wichtige Ausstellungen