Mehrals hundert Jahre Geschichte, eine Auflage von 533 000 verkauften Exemplaren und ein paar hundert Millionen Mark fälliger Schulden: So stellt sich Italiens größter Zeitungsverlag, der Corriere della Sera in Mailand, dar. Unter den Schulden und Verlusten des Flaggschiffes der italienischen Presse ist jetzt auch der Mailänder Verlag Rizzoli zu Boden gegangen, der den Corriere vor ein paar Jahren gekauft hatte, um ihn im Verband seiner noch größeren Verlagsgruppe zu sanieren.

Der Verleger Angelo Rizzoli hat aber weder das Format noch die Fortune seiner Verleger-Vorfahren. Um den Rizzoli-Verlag aus der Finanzkrise herauszureißen, in die er schon im vergangenen Jahr geglitten war, setzte er aufs falsche Pferd: Er verkaufte im Zuge einer Kapitalerhöhung vierzig Prozent seines Verlages an Roberto Calvi, den Präsidenten der Banco Ambrosiano. Als diese größte italienische Privatbank im Sommer dieses Jahres krachte, zog sich damit das Unwetter auch über Rizzoli zusammen. Die Banco Ambrosiano hatte nämlich der Rizzoli-Gruppe nicht nur die Beteiligung abgekauft, sondern auch große Kredite gegeben. Die Nuovo Banco Ambrosiano – als Nachfolgegesellschaft der alten von sieben italienischen Banken gegründet – stellte als eine ihrer ersten Amtshandlungen Rizzoli ein Ultimatum für die Rückzahlung fälliger Wechselschulden.

Damit aber machte die Nuovo Banco Ambrosiano nicht nur Rizzoli, sondern in gewissem Sinne auch sich selbst das Leben schwer. Denn zum einen ist die Bankengruppe jetzt über ihre Holding Centrale mit vierzig Prozent an Rizzoli beteiligt. Zum anderen aber liegt noch ein weiteres Aktienpaket mit zehn Prozent bei einer Treuhandgesellschaft. Es sollte nach dem Vertrag zwischen Rizzoli und Calvi als Zugabe an die Banco Ambrosiano gehen, wenn neuerliche Buchprüfungen eine andere Bewertung des Corriere ergeben würden. Die Klausel wurde damals beim Verkauf der vierzig Prozent Rizzoli-Anteile an die Banco Ambrosiano aufgestellt, für den Fall, daß Rizzoli den Corriere-Verlag zu hoch bewertet hätte.

Hatte Rizzoli tatsächlich zu hoch gereizt? Niemand außer ihm selbst wird das heute wissen. Denn als Calvi auf der Black-Friars-Brücke in London Selbstmord beging, nahm er auch die Frage mit ins Grab, wem nun diese zehn Prozent gehören. Rizzoli jedenfalls behauptet jetzt, er sei der wahre Eigentümer geblieben und kontrolliere damit fünfzig Prozent des Verlages.

Leider, so gab er Ende letzter Woche bekannt, könnten er und seine Freunde die 230 Millionen Mark nicht sofort aufbringen, welche die Banken so abrupt, wenn auch korrekt zurückverlangten. Deshalb habe er bei Gericht Antrag auf Zwangsverwaltung stellen müssen. Die Zwangsverwaltung gibt ihm nun ein Jahr Atempause, um seine Schuldenprobleme zu regeln. Merkwürdig ist dabei allerdings, daß Angelo Rizzoli unter den harten Gläubigern, die ihn jetzt verfolgen, auch die Rothschild-Bank in Zürich mit 65 Millionen Mark aufführt. Sie besitzt zehn Prozent des Rizzoli-Kapitals, und der Verleger zählte diesen bisher am Machtspiel nicht interessierten Außenseiter stets zu seinen verläßlichen Freunden. Was sollte Rothschild veranlassen, mit den übrigen Banken zusammen plötzlich Druck auf Rizzoli auszuüben?

Kenner der Szene deuten auf den Corriere della Sera. Angelo Rizzoli hat nämlich mit dem Antrag auf gerichtliche Zwangsverwaltung die Flucht nach vorne angetreten und erklärt, daß er sofort diese und alle anderen Zeitungen und Zeitschriften verkaufen will – "bis zur Bezahlung der letzten Lira an Schulden". Druck auf Rizzoli nützt damit demjenigen, der an einem günstigen Erwerb der Zeitung interessiert ist.

Bei einem Schätzwert von 450 bis 500 Millionen Mark ist der Corriere della Sera selbst für Großunternehmen ein schwerer Brocken. Die Finanznot von Rizzoli könnte aber einem Käufer helfen, der mit Bargeld winkt. Außerdem darf auch die Nuovo Banco Ambrosiano nach italienischem Gesetz keine Zeitungsbeteiligung halten und muß deshalb ihre vierzig Prozent möglichst bald abstoßen. Derzeit kennt man in Mailand nur einen Konzernchef, der sich zumindest genügend Geld zum Kauf des Corriere besorgen kann: Carlo de Benedetti, der Großaktionär des Olivetti-Konzerns, der schon vor einem Jahr am Erwerb des Verlagshauses interessiert war.