"Eingeladen haben Sie den Bundeskanzler, und nun steht hier ein gewisser Herr Schmidt": Diesen etwas mühsamen Witz mußte sich der Altbundeskanzler gleich zweimal am selben Abend abquälen – zu Beginn seiner Messe-Eröffnungsrede und wenig später beim Empfang des Goldmann-Verlages für das Buch "Kunst im Kanzleramt", einen etwas bräsig aufbereiteten Pappband, der Helmut Schmidts entdeckerisches Bemühen um so unbekannte Künstler wie Henry Moore und Emil Nolde dokumentiert. Das Kanzleramt war nun weg – und die Kunst damit offenbar auch; jedenfalls die der Rede. In seiner viel zu langen Ansprache verblüffte der vom Oberbürgermeister Wallmann noch mit "Herr Bundeskanzler" Angeredete die versammelten Verlagsherren Piper, Ledig-Rowohlt, Unseld und viele andere mehr nicht nur mit der Feststellung, es sei gar nicht schade, wenn jetzt weniger Bücher verlegt würden; er warnte auch eindringlich vor dem nun möglichen Entstehen eines Medien-Riesen aus dem Zusammenschluß von Springer und Burda. Sprach’s – und eilte zur Bertelsmann-Tochter Goldmann, wo er sich artig beim Verleger für das Zustandekommen des schönen Buches bedankte. Danach hatte er einen Fernsehtermin. F.J.R.

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Jeder Literaturkritiker hält sich für was Besseres, für wichtiger als all seine Kollegen. Das Gefühl "Mich mag zwar keiner, aber deshalb bin ich der Größte" gehört zum Kritiker wie das Zähneknirschen zum Autor. Insofern gibt es keinen größeren Kummer für einen Kritiker, als sich von einigen Dutzend anderer Kritiker umringt zu sehen, die auch alle die Größten sind. Just diese Schmach aber erleiden die Kritiker auf Siegfried Unselds Kritikerempfang, zu dem er jährlich am Buchmessen-Donnerstag einlädt. Unseld ist Chef der Verlage Insel und Suhrkamp. Dieser merkwürdige Mensch hat geschafft, was kein anderer Verleger je erreichte: daß Kritiker sich gekränkt fühlen, wenn sie nicht von ihm eingeladen werden. Ist das Kritiker-Los nicht ein trauriges? Lädt Unseld ihn ein, ärgert er sich, daß andere auch eingeladen wurden; lädt Unseld ihn nicht ein, ärgert er sich doppelt. Das ist eigentlich schon alles, was sich auf diesem Empfang ereignet. Zwar laufen da noch einige Suhrkamp-Autoren herum; das sind aber meist blasse und wortkarge Gestalten, die glauben, es genüge, ein Buch zur Messe vorgelegt zu haben, um beachtet zu werden. In diesem Jahr gab es zwei Ausnahmen. Die erste: Ulla Berkewicz, deren Buch "Josef stirbt" von denen, die es gelesen haben, gerühmt wird. Daß Frau Berkewicz an diesem Nachmittag ständig von Kritikern eingerahmt war, lag aber sicher nicht bloß an ihrem Buch. Es lag an ihrer Schönheit. (Sie ist wirklich schön – darf man das heute noch sagen?) Die zweite Ausnahme: Joachim Unseld, Sohn des Siegfried. Der Alte, nachdem er jene Autoren begrüßt hatte, die zum ersten Mal in diesem Herbst bei Suhrkamp publizieren, nannte einen weiteren Debütanten: seinen Sohn, der mit der Untersuchung "Franz Kafka – Ein Schriftstellerleben" ein nachdenkliches, subtiles Buch über das Verhältnis zwischen Autor und Verleger geschrieben hat. Dieser Joachim, so Siegfried, werde ab 1. Januar 1983 in die Verlagsleitung eintreten. Eine wichtige Nachricht. Aber die Art, wie Siegfried die Autoren- und Verlegerschaft von Joachim verknüpfend mitteilte, war nicht sehr elegant und deutet darauf hin, daß der Alte, Gott sei Dank, der alte bleiben will. Grn.

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Er kam ganz in Seide: Im schwarzseidenen Smoking war der Sowjet-Lyriker Jewgenij Jewtuschenko sicherlich der eleganteste Gast auf dem Mammut-Empfang des Hauses Bertelsmann – auch wenn er mit geübter Hand den letzten Hummerschwanz ergriff; denn das üppige Büffet war nach fünfzig Minuten kahl, als habe der Medienriese ein Heer von Piranhas geladen. Die Messe ist keine Messe mehr wert, was die einst schwelgenden Feste angeht. Viele Verlage – wie Hanser oder Rowohlt – sparen die großen Empfänge ganz, andere bitten zwar zu Pressekonferenzen – aber Kellner mit Tabletts sind seltsam rar geworden, manchmal hängt statt der beliebten Häppchen gar nur ein trauriges Suppentöpfchen im Verborgenen. Das Wort vom "verschlanken", einst geprägt auf das Reduzieren der – literarischen – Titel in den Programmen, haben die Finanzchefs der Verlage nun wörtlich genommen und entlassen nach den Lektoren jetzt die Medienhaie: hungrig, Nur beim Hildegard-Knef-Agenten Ferenczy floß noch der Dom Perignon in Strömen. Da war aber kein Lyriker in Schwarz, nicht mal ein sowjetischer.

F.J.R.

Gefühl, wie in einem Gedicht von Günter Grass: "Ich sah einst Nonnen, eine ganze Flotte, Sie wehten fort zum Horizont..." Ihr Frankfurter Horizonz heißt: Halle 7. Dort ist die Sonderausstellung zum "Schwerpunktthema" dieses Jahres: "Religion". Nonnen, Diakonissen, "Schwestern" – sie sind die fleißigsten in Frankfurt. Wenn sie nicht vor Bücher-Regalen drängen, besetzen sie nicht die vielen kleinen Lokale, die mit Grill- und Knoblauch-Duft die Messe-Hallen immer selbstbewußter beherrschen, sondern verzehren, kleine Grüppchen in stille Winkel gekauert, ihre Vesper-Brote. Die weißen Hauben, die schwarzen Ärmel-Flügel erinnern immer wieder an das, woran hier kaum jemand denkt: an das "Messeschwerpunktthema". Mal "Kind", mal "Afrika", mal "Südamerika", jetzt: "Religion": seitdem Peter Weidhaas die Leitung der Buchmesse übernommen hat, gibt es alle zwei Jahre einen solchen "Schwerpunkt". Was droht uns da alles noch? Welche Erschöpfung breitet sich (man denke an "Afrika", an "Südamerika") nach der Messe bei Buchhändlern und in manchen Redaktionen aus. Ein guter, ein schöner Gedanke – aber taugt er für eine Messe? Die wahren Impulse für Bücher-Leser – und das werden stets Anregungen zum Lernen sein, zu kritischer Prüfung, zu Aufklärung – kamen weniger vom Dalai Lama, von Gurus und Schamanen als von so skeptisch nachdenklichen Männern wie dem zum Frieden Mut machenden Preisträger George F. Kennan oder dem bei uns wegen seiner Rede in Mexiko gegen den Kulturimperialismus der Supermächte zu Unrecht verteufelten Kulturminister Frankreichs, Jack Lang. Was die Messe braucht? Weniger "Schwerpunkte", mehr Männer dieses geistigen Kalibers. R. M.