Detroit – das ist "Motor Town". Die Hauptstadt des US-Staates Michigan ist immer noch die Anschrift für die Autogiganten General Motors, Ford und Chrysler, auch wenn deren Werke und Hauptverwaltungen zum größten Teil bereits vor die Tore der Stadt gezogen sind. Und so taten es auch die Bürger der Staat, soweit sie sich das leisten konnten. Detroit ist ein Spiegel der amerikanischen Automobilindustrie. Mit ihr erblühte das Pelzhändler-Nest zu einer Millionen Einwohner zählenden Metropole, mit dem Verfall der amerikanischen Auto-Herrlichkeit schwand auch der Glanz des ehedem reichen Wolkenkratzerkonglomerats am Detroit-River.

Detroit – das wurde schnell die "Murder City". Die Autowerke entließen zu Tausenden ihre Arbeiter, meist Schwarzhäutige mit niedrigem Ausbildungsstand, als die Straßenkreuzer nach Detroiter Zuschnitt nicht mehr gefragt waren. Die Stadt, die ihre Lebensqualität immer am Rhythmus der Auto-Montagebänder orientiert hatte, die immer schon mit einer hohen Verbrechensrate zu kämpfen hatte, mußte nun auch noch eine enorme Arbeitslosenquote verdauen. Gewalt regierte die öden Straßen, Detroit wurde das abschreckende Beispiel für die "häßliche amerikanische Stadt" schlechthin. Nicht daß die Stadt dem größeren New York in Sachen Raub und Totschlag weit vorausgewesen wäre – aber New York hatte immer auch noch seine strahlenden, großartigen Seiten. Detroit aber ist ohne seine Autos nichts.

"Aus dem Polizeibericht konnten wir fast die Verkaufsrapports der Motor Companies ablesen", erzählt ein Ford-Angestellter in Dearborne, der "Ford-City" an der Westgrenze von Detroit. Warum Vergangenheit, ist es heute anders? frage ich, noch unter dem Eindruck der Michigan Avenue, die von Downtown nach Dearborne führt, eine von vernagelten Häusern, Stripteasebuden, Sektentempeln, billigen Kneipen und Ruinen gesäumte Straße. Nein, die Kriminalität sei noch nicht spürbar zurückgegangen, wie ja auch die Verkaufszahlen der großen Drei noch nicht wieder in sonnige Höhen geraten sind. Aber es gebe einen neuen Anfang, in der Innenstadt sei das unübersehbar.

Unübersehbar ist das richtige Wort. Das Symbol des Wiederbeginns für die Stadt und "ihre" Industrie ist knapp 250 Meter hoch, das mehrtürmige, total verspiegelte "Renaissance Center" mit Luxushotel, Büros, Boutiquen und Restaurants. Das gigantische Zentrum, das alle Hochhäuser aus der guten Zeit der Automobilindustrie mühelos in den Schatten stellt, soll demonstrieren, daß es wieder aufwärts geht. Es soll aber auch zeigen, daß es nicht so weitergeht wie bisher. Renaissance, die Wiedergeburt, soll Detroit auch von den städtebaulichen Sündenfällen der Vergangenheit befreien.

Detroit – das ist in seiner Selbstdarstellung nun die "Renaissance City". Die öde und tote Innenstadt soll als erster Schritt des großen Vorhabens wiederbelebt werden. Die Autostadt erinnerte sich dabei der Staßenbahn. Eine antike Tram zuckelt seither durch die versteinerte City, hin und wieder freundlich gegrüßt von Männern in alten Polizei-Uniformen. Voll Fleiß und Eifer versuchen die Stadtväter auch, freie Flecken mit Sträuchern und Blumenbeeten ansehnlicher zu machen und alle in der Stadt vertretenen ethnischen Gruppen von der Notwendigkeit nationaler Festivals auf dem Gelände am Flußufer zu überzeugen. Gelobt sei, was Farbe in das graue Ding bringt. Eine neue Generation von Kommunalpolitikern, angeführt von dem schwarzen Bürgermeister Coleman Young, hat erkannt, daß diese Stadt keine Zukunft hat, wenn sie nur die notwendigsten Versorgungseinrichtungen für Amerikas Autoindustrie stellt. Sie soll eine Lebenqualität eigener Art bekommen. Wie ein Trauma lastet über der Stadt immer noch die Erinnerung an den Juli 1967. Damals, als eine Welle von Rassenunruhen durch die USA ging, glaubte man in Detroit, der mehrheitlich schwarzen Industriestadt, gefeit zu sein gegen solche Exzesse. Aber dann brach in Motor Town ein Inferno sondergleichen aus. Während der schwersten Rassenkrawalle, die die USA bisher erschüttert hatten, zogen eine Woche lang marodierende, plündernde und feuerlegende Horden durch die Stadt. Im nachhinein, als man untersuchte, woher diese überraschende Gewalt gekommen sei, deutete man neben Arbeitsplatzproblemen auch die unmenschliche Stadtlandschaft als Schuldigen aus. "Detroit macht kaputt", hieß es damals. So soll es nie wieder heißen, wenn es nach den Wünschen derer geht, die Detroit wieder menschenwürdig machen wollen. Ein langer Weg.

Ob ihr Experiment gelingt, ist noch fraglich. Es gibt Ansätze, mehr nicht. Der Erfolg aller Bemühungen – und das ist Detroits Teufelskreis hängt ab vom Erfolg der Automobilindustrie. Will sich Detroit von dieser unabhängiger machen, braucht es sehr viel Geld, Geld, das es nur von der Auto-Industrie bekommen kann. Deshalb ist die Renaissance von Detroit unauflöslich verknüpft mit der Renaissance von General Motors, Ford und Chrysler. Klaus Viedebantt