Hegel hat das Grundmuster für alle Terrorismus Debatten vorgegeben. Als er Schillers "Räuber" besprach kam er zu dem apodiktischen Urteil: Die selbstgerechten Moralisten, die der bürgerlichen Gesellschaft den Kampf aufzwingen, seien nichts als Narren oder Verbrecher; sie seien dazu verdammt, letztlich in ihr Verderben zu rennen, weil die staatlichen Institutionen nicht länger durch Mord und Totschlag aus den Angeln gehoben werden könnten - dies sei ein unabänderliches Gesetz der Geschichte.

Narren und Verbrecher: Selten scheint Hegel, der große Metaphysiker, derart volksverbunden. So oder doch so ähnlich hörten sich ja auch die Kommentare in den 70er Jahren an, als die Baader Meinhof Gruppe und ihre Zöglinge die Bundesrepublik in Furcht und Schrecken versetzten. Ehe die abgeklärten Fragen - Wer sind die Terroristen? Warum tun sie das? - gestellt werden konnten, mußte sich die erste Aufregung über die meflschenverachtenden Attentate ("Wir haben heute der erbärmlichen und korrupten Existenz Schleyers ein Ende gesetzt") legen - die Eule der Minerva beginnt ihren Flug nun einmal nicht vor der Dämmerung.

Ende 1977, nachdem Hanns Martin Schleyer, Jürgen Ponto Und Siegfried Bubak ermordet worden waren, beauftragte die Ständige Konferenz der Innenminister eine Gruppe Wissenschaftler damit, "die Bevölkerung umfassend über Ziele, Methoden und Aktionen terroristischer Bestrebungen aufzuklären". Sie sollten Wissenslücken schließen, Vorurteile abbauen, die Diskussion versachlichen. Schwierig waren die Anfänge, uneins die beteilig ten Wissenschaftler, mühselig der Forschungsauftrag. Die ersten drei Bände - vier sollen es insgesamt werden - liegen vor:

Iring FetscherGünter Rohrmoser (unter Mitarbeit von Jörg FröhlichHannelore Ludwig und Herfried Münkler): "Ideologien und Strategien", Analysen zum Terrorismus, Bd l Herbert JägerGerhard SchmidtchenLieselotte Süllwold (unter Mitarbeit von Lorenz Böllinger): "Lebenslaufanalysen", Analysen zum Terrorismus, Bd. 2 Wanda von Baeyer KatteDieter Ciaessens Hubert FegerFriedheim Neidhardt (unter Mitarbeit von Karen de Ahna und Jo Groebel): "Gruppenprozesse", Analysen zum Terrorismus, Bd. 3 Alle Westdeutscher Verlag, Opladen 1981 und 1982; 346, 243 und 525 S ; 39 -, 27 80 und 62 - DM Im ersten Band schwingt noch der Dissens nachj der die Gelehrten trennte. Iring Fetscher, renommierter und wohlwollender Interpret der marxistischen Ideengeschichte, macht gar keinen Hehl daraus, da& er Günter Rohrmosers, des einstigen Filbinger Vordenkers, Ansatz für verfehlt ansieht. Beide entfernen sich rasch vom eigentlichen Thema und landen alsbald bei ihrem Thema: der Frage, ob die Frankfurter Schule moralisch oder gar praktisch für den Terror verantwortlich gemacht werden könne oder nicht. Der Verdacht war damals wohlfeil, als die Terroristen zuschlugen: Die "Rote Armee Fraktion" als jene konsequenten Tatmenschen, die den theoretisch bloß Ttonstatierten Verblendungszusammenhang tatsächlich durchschlagen. Nicht daß Rohrmoser meint, die RAF habe aus enthusiastischen Adorno Lesern bestanden. Aber er konstruiert beharrlich eine Tradition von Lukäcs bis zu den Frankfurtern, die in der Geistesgeschichte das vorbereitet hätten, was in der Praxis dann vollzogen wurde. Mit einem kleinen Hinweis vermag Fetscher die ganze Fragwürdigkeit dieser Diskussion aufzuzeigen: Es seien Adorno und Horkheimer gewesen, die schon 1968 den Anti Amerikanismus der Studenten zu bremsen suchten; sie erinnerten an den schlichten Umstand, daß 1945 die amerikanische Armee - der spätere Todfeind der RAF - Deutschland vom Nationalsozialismus befreit hatte.

Schade, daß Fetscher und Rohrmoser verbiestert gegeneinander anschreiben. Vor allem bei Fetscher findet sich reichlich Material, das einen Blick auf das Innenleben der Terroristen erlaubt: Verbürgte Selbstaussagen, Notizen und Kassiber aus den Gefängnissen werden zitiert und analysiert; der Bruch zwischen Horst Mahler und Ulrike Meinhof wird gedanklich nachvollziehbar. Das sind keine intellektuell erheblichen Diskussionen; sie sind jedoch für das Selbstverständnis der Terroristen aufschlußreich S ein primitiver Marxismus Notiz Gudrun Ensslins: "Also der Witz, daß man mit Marcuse so umgeht, wie Marcuse natürlich Selbst nicht mit sich umgeht" , von radikalen Außenseitern reduziert auf plumpen Dezisiöhismus - "Gegen alle Widerstände und ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile durchhalten" ; Terrorismus, pflichteifrig und theorielos betrieben.

Die "Lebenslauf Analysen" sind methodisch fragwürdig, weil sie unter dem falschen Leitbegriff stehen. Sie sollen "Lebensumstände und Erfahrungen erkennen helfen, die eine terroristische Karriegehört in ein bürgerliches Weltbild, wie es in der Literatur immer wieder entfaltet worden ist: Ein Held, der sich nicht einfach seiner Umgebung anpassen will, zunächst Widerstand leistet, aber schließlich seine Illusion abbaut, um danach ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft Zu werden. Die Vita der Terroristen unterscheidet sich jedoch durch einen radikalen Bruch von dieser schwankenden, letztlich aber doch geradlinigen Entwicklung. Mit empirischer Forschung alleine läßt sieh deshalb das Entscheidende nicht herausfinden: Warum es zum Bruch gekommen ist. Dazu bedarf es immer wieder der Individualpsychologie. Die Tatsache, daß Gudrun Ensslin aus einem Pfarrhaus stammt, das ihr strikte Moral mit auf den Lebensweg gab, sagt mehr über deutsche Pfarrhäuser aus als über die Terroristin Gudrun Ensslin. Benno Ohnesorges Tod im Jahre 1967 hat ungeheuer viele Studenten auf die Straße getrieben und mit ohnmächtiger Wut erfüllt; die Mehrheit aber trat nur den Marsch durch die Institutionen an. Vielleicht ist dies die Lehre dieses aurwendigen Projekts: Am Anfang aller Terrorismus Debatten, ohne Vorwissen, steht die reine Spekulation; am Ende, versehen mit unendlich viel Kenntnis, hilft wieder nur die Spekulation.

Der Band mit dem Obertitel "Gruppenprozesse" liefert schließlich ein Kompendium über das West Berlin der Studentenbewegung zwischen 1967 und 1971; über die verschiedenen Terrorfraktionen, den "2. Juni", das "Sozialistische Patientenkollektiv", die "Haschrebellen" und natürlich die "Rote Armee Fraktion". Spätere Geschichtsschreiber mögen sich freuen über die akri bische Recherche, denn sie reißt ein Bild der Bundesrepublik aus dem Blickwinkel ihrer Gegenkultur auf.