1883/1884: in kaum einem Jahr war Nietzsche mit seinem bedeutendsten Werk, dem "gefährlichen" Zarathustra, fertig.

1983: hundert Jahre der Nietzsche-Rezeption: Ein von Nietzsche selbst angesetzter Termin mit den Lesern, mit denen er in seiner brüsken Art von vornherein abrechnete: "Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser – und der Geist selber wird stinken."

Die "hundert Jahre Leser" sind um. Stinkt der Geist?

Hundert Jahre, in denen sich für die Menschen manches, ja fast alles, geändert hat. Die Menschen sind anders geworden, sie leben anders, sie reden anders, sie denken anders. Wie steht es heute mit der Zarathustra-Rezeption Wie liest man das Buch? Richtiger: Wie ist das Buch zu lesen, um Nietzsches Anliegen einigermaßen zu entsprechen?

Was er zurückwies und sich ausdrücklich verbat, war eine gewisse Art des Lesens, die des "lesenden Müßiggängers", dessen Blick, wie der Schmetterling von Blatt zu Blatt, von einer Seite zur anderen flattert. "Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht lesen, sondern auswendig gelernt werden."

Den ganzen Zarathustra auswendig lernen? Nein, das hat er nicht gemeint. Wenn einer "sechs Sätze daraus verstanden, das heißt erlebt" hat, so sei es in Ordnung; ihm reiche es.

Dieses einzig dastehende Unternehmen des Zarathustra, dieses Buch "für Alle und Keinen", ist auch einmalig darin, daß kaum ein anderes Werk des Geistes so verschiedentlich und kontrovers interpretiert, so mißverstanden, so verzerrt wurde. Ich kenne einen einzigen Präzedenzfall, und das ist das Neue Testament.