Berlin

Stockholm ist weit. Ich sitze vor einem Bierlokal am Kurfürstendamm, vor mir eine Berliner Weiße mit Schuß, für einen Wahlskandinavier ein geradezu exotisches Getränk. Die Sonne scheint, ein wunderschöner Spätherbst, der Kontinent hat mich wieder. Ich bin in Berlin aufgewachsen, kenne die Stadt, obschon zwölf Jahre seit meinem letzten Besuch vergangen sind. Es ist eine – so banal es klingt – glückliche Stunde. Mit mir ist mein Freund und Kollege, Nordeuropakorrespondent der angesehenen deutschen Zeitung für kluge Köpfe, nennen wir ihn A. Ich spreize mich mit meinen Ortskenntnissen, erzähle, wie ich in jener Novembernacht des Jahres 1943 aus dem Theater kommend durch die brennenden Straßen des Westens hastete, von einem Keller zum anderen, um unser Haus dann doch nur als rauchenden Trümmerhaufen wiederzufinden. Junge Leute am Nebentisch lachen uns an, überall wird geschwatzt. "Mein Gott, das ist doch was anderes hier", sagt A, auch er ist weit von Stockholm, man sieht es ihm an. "Aber den Osten müssen wir auch sehen."

Der Ost-Berlin-Korrespondent der erwähnten Zeitung lädt uns zu einer Rundfahrt ein. A. schreibt den Treffpunkt, Hotel Metropol, und die Zeit, 17.00 Uhr, auf einen Zettel, den ich gedankenlos einstecke. Dann bummeln wir über die Tauentzienstraße, kaufen Medikamente, die es in Schweden nicht ohne Rezept gibt, und zurück zum Bahnhof Zoo. Die S-Bahn macht einen verwahrlosten Eindruck; wir wissen, warum. Tiergarten (da wohnten meine Großeltern), Bellevue, Lehrter Bahnhof, einen Blick auf die Mauer, wir sind da. Die Treppe hinunter, ein Abfertigungsraum, die schmale Schleuse mit dem Sehschlitz für den Abfertigungsbeamten. Der schräg oben angebrachte Spiegel verrät ihm, was wir womöglich in den Händen halten. Er nimmt A.s Paß, die Schulterbewegungen verraten seine Gesten. Jetzt schreibt und blättert er, dann nimmt er das Telephon, verschwindet seitlich hinter einem Vorhang, Ich verziehe das Gesicht und drehe mich zu einer Frau um, die in der Schlange hinter mir wartet, Sie fängt meinen Blick auf und zuckt die Schultern. Die anderen hinter ihr zeigen keine Gefühle, sie halten die Köpfe gesenkt, gottergeben, denke ich. Die gehorchen und sprechen, wenn überhaupt, leise und unauffällig.

Dem blutjungen Volkspolizisten hat sich ein anderer, dickerer zugesellt. Sie tuscheln. "Kommen Sie mal mit raus!" A. sieht mich an und verschwindet vorwärts hinter der Klapptür. Jetzt bin ich dran. Mein Paß scheint nicht so interessant zu sein. Nach kurzer Prüfung wird er mir zurückgegeben, ich gehe durch die Klapptür. Da steht ein anderer junger Mann in Uniform mit Brille und sagt: "Kommen Sie mal mit." Wir gehen nach links. Er schließt eine Tür auf. "Ist schon jemand drin." Hinter der nächsten Tür sitzt A. "Alles voll", sagt der Beamte und geht mit mir nach rechts. "Da ist was frei." Er schiebt mich in den kleinen Raum und läßt die Tür ins Schloß fallen. Ich drehe mich um. Die Tür ist verschlossen, von innen nicht zu öffnen. Ein Tisch, ein Stuhl. Eine Zelle, denke ich.

Es dauert fünf Minuten, dann klopfe ich. Erst mit dem Fingerknöchel, dann mit der Faust, dann mit dem Fuß. Die Tür geht auf. "Was wollen Sie?" fragt der Bebrillte. "Sie können mich doch nicht einfach einschließen", sage ich. "Alles Vorschritt", ist die lapidare Antwort. Nach weiteren zehn Minuten kommt er wieder. "Packen Sie mal ihre Taschen aus." Ich packe also aus. Brieftasche, Taschenkalender, Kamm, Kugelschreiber, ein paar Zettel, Kopfschmerztabletten, Taschentuch. Jetzt wird er aktiv. Er entleert die Briefe und findet deutsches Geld, schwedisches Geld, vier Kreditkarten, einen Flugschein, einen deutschen und einen schwedischen Führerschein, einen schwedisehen, dänischen und finnischen Presseausweis, Visitenkarten mit meinem Namen und Beruf,

"Ein Kollege von dem da draußen?" fragt er, "was wollen Sie in Berlin?" Ich antworte: "Mir die Stadt ansehen." Er glättet die auf dem Tisch liegenden Taschenkriimel und den Zettel, den ich schon lange vergessen hatte, "Sie haben ein Treffen? 17 Uhr Hotel Metropol," Ich erkläre den Sachverhalt. Er geht wieder raus und schlägt die Tür ins Schloß. Ich warte, ziehe meine Jacke aus, ich schwitze, bin wütend. Er kommt zurück. "Sie können gehen." Draußen steht A. und ist blaß. Er war nie in Ostberlin, hat schon die Lust verloren.

Knapp zwei Stunden waren wir "drüben". Unter den Linden, Zeughaus, die Neue Wache, Humboldt-Universität, Gendarmenmarkt, Palast (Ballast, sagen die Sachsen) der Republik, die vernarbten, verrotteten und dennoch bewohnten Mietskasernen am Prenzlauer Berg. Wir kaufen noch ein paar Schallplatten, um den Zwangsumtausch zu nutzen, und gehen zurück zum Bahnhof Friedrichstraße. Ein malvenfarbener Himmel liegt über der Stadt. "Trotzdem", sage ich, "Berlin ist schön." A. sagt: "Ich will hier raus, sofort." Er war früher in Indien, kennt Repressalien gegen Journalisten. "Das schlimmste ist", sagt er, "daß sie hier deutsch sprechen."