Von Christian Graf v. Krockow

Erschrocken staunt der Heide Schaf mich an,/als sähs in mir den ersten Menschenmann./Sein Blick steckt an; wir stehen wie im Schlaf;/mir ist, ich sah zum erstenmal ein Schaf."

So beschreibt Christian Morgenstern den "Geburtsakt der Philosophie". In der Tat: Wer wäre nicht schon versunken im Zwieblick der Natur? Oder eingeträumt vor den Elementen, vorm verglühenden Feuer, dem niederströmenden Wasser, dem Puls der Brandung? Wegrücken der Hast, des Bedrängenden, Kränkenden; Eins-Sein, Harmonie:

"In den Augen meines Hundes/Liegt mein ganzes Glück./All mein Innres, krankes, wundes/Heilt in seinem Blick."

Gewiß: Das stammt vom Genie des unfreiwilligen Humors, Friederike Kempner. Doch gar nicht komisch, sondern tieftraurig wirkt es, wenn im "Senioren"-Heim, in dem Tiere nicht mehr erlaubt sind, der Besucher mit einem Hund oder der Katze nicht durchkommen kann, weil alle die alten Leute das Tier doch wenigstens einmal berühren, es fühlen und streicheln möchten. Und gilt, was da sichtbar wird, wirklich nur für Betagte?

"O Bäume Lebens, o wann winterlich?/Wir sind nicht einig. Sind nicht wie die Zug-/vögel verständigt. Überholt und spät,/so drängen wir uns plötzlich Winden auf/und fallen ein auf teilnahmslosem Teich./Blühn und Verdorrn ist uns zugleich bewußt. /Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen,/solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht."

So beginnt die vierte von Rilkes Duineser Elegien. Ein Riß hat zwischen uns und der Natur sich aufgetan, einer, der stets breiter und tiefer, der zum Abgrund sich spaltet. Die Harmonie ist zerstört. Nochmals Rilke: