Schafe und Esel – Seite 1

Von Christian Graf v. Krockow

Erschrocken staunt der Heide Schaf mich an,/als sähs in mir den ersten Menschenmann./Sein Blick steckt an; wir stehen wie im Schlaf;/mir ist, ich sah zum erstenmal ein Schaf."

So beschreibt Christian Morgenstern den "Geburtsakt der Philosophie". In der Tat: Wer wäre nicht schon versunken im Zwieblick der Natur? Oder eingeträumt vor den Elementen, vorm verglühenden Feuer, dem niederströmenden Wasser, dem Puls der Brandung? Wegrücken der Hast, des Bedrängenden, Kränkenden; Eins-Sein, Harmonie:

"In den Augen meines Hundes/Liegt mein ganzes Glück./All mein Innres, krankes, wundes/Heilt in seinem Blick."

Gewiß: Das stammt vom Genie des unfreiwilligen Humors, Friederike Kempner. Doch gar nicht komisch, sondern tieftraurig wirkt es, wenn im "Senioren"-Heim, in dem Tiere nicht mehr erlaubt sind, der Besucher mit einem Hund oder der Katze nicht durchkommen kann, weil alle die alten Leute das Tier doch wenigstens einmal berühren, es fühlen und streicheln möchten. Und gilt, was da sichtbar wird, wirklich nur für Betagte?

"O Bäume Lebens, o wann winterlich?/Wir sind nicht einig. Sind nicht wie die Zug-/vögel verständigt. Überholt und spät,/so drängen wir uns plötzlich Winden auf/und fallen ein auf teilnahmslosem Teich./Blühn und Verdorrn ist uns zugleich bewußt. /Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen,/solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht."

So beginnt die vierte von Rilkes Duineser Elegien. Ein Riß hat zwischen uns und der Natur sich aufgetan, einer, der stets breiter und tiefer, der zum Abgrund sich spaltet. Die Harmonie ist zerstört. Nochmals Rilke:

Schafe und Esel – Seite 2

"Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein/und nichts als das und immer gegenüber."

Aber hat es die Harmonie, die Idylle denn je wirklich gegeben? Handelt es sich nicht vielleicht um eine Entdeckung, wenn nicht Erfindung aus dem Fremdwerden, die zur Romantik und in die Sentimentalität gerät? Dort jedenfalls, wo man noch selbstverständlich in der Natur und mit Tieren aufwuchs und alt wurde, in der vormodern bäuerlichen Welt, blieb man spröde. Der Hund war zum Wachen da, die Katze zum Mausen, das Schaf dazu, geschoren und geschlachtet zu werden. Wozu denn sonst?

Allerdings: Wir sind nur noch selten Bauern, schon gar nicht vormoderne. Und wenn es die Natur des Menschen ausmacht, daß er niemals schlechthin "natürlich" leben kann, sondern immer nur künstlich, in ausmacht, stets schon überformter, bearbeiteter Natur, wenn also natürliche Künstlichkeit zu seinem Wesen gehört, dann hat diese doch selbst noch eine geschichtliche Dimension. Seit Beginn der Neuzeit entwickelt sie sich immer reißender, radikaler. Schon im 18. Jahrhundert deutet eine kritische Phase sich an, ein Umschlagspunkt – Rousseau! –, von dem an man immer drängender und bedrängter nach künstlicher Natürlichkeit zu suchen beginnt.

Inzwischen sind wir bei Verhältnissen angelangt, die man im 18. Jahrhundert sogar in bizarren Träumen schwerlich sich vorgestellt hätte. Im Beispiel: Die Möglichkeiten menschlicher Fortbewegung blieben von Anbeginn begrenzt durch natürliche Kräfte. Schneller, als ein Pferd galoppierte oder das Segel ein Schiff bewegte, kam niemand voran. Erst im 19. Jahrhundert entstanden die Eisenbahnen – und angesichts ihrer "rasenden" Geschwindigkeit hegten Fachleute ernste Bedenken für die Gesundheit der Passagiere und Zuschauer. Dennoch wurden kritische Grenzen noch nicht erreicht, auch nicht, etwas später, von den Schnelldampfern, die ums "Blaue Band" kämpfend nach Amerika fuhren. Die Zeitverschiebung um eine Stunde pro Tag machte niemandem etwas aus. Erst mit den Jets ist das anders geworden; unsere "innere Uhr" rebelliert, weil ihr Tag und Nacht durcheinander geraten. Hier zeigt sich auf einmal, daß in all unserer Künstlichkeit doch eine Natur steckt, die auf die Dauer nicht ungestraft sich mißachten läßt.

Das Beispiel ließe sich fast beliebig auf andere Bereiche übertragen. Es wird überall notwendig, zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit einen Ausgleich zu versuchen, Balance herzustellen. Eben auf diese Notwendigkeit reagieren wir mit künstlicher Natürlichkeit – etwa, im Kampfgegen unsere Bewegungsarmut, mit sportlichen "Trimm dich"-Aktionen.

Die Frage bleibt bloß, was wirklich als naturgemaß angesehen werden darf. Die Meinungen der Experten wechseln wie Moden der Haute Couture. Kann man überhaupt darauf vertrauen, daß wenigstens die Natur selber noch halbwegs natürlich ist? Wir besichtigen sie, gegen Eintrittsgeld, im "Tierreservat" oder "Naturschutzpark". Bezeichnende Begriffe! Oder, wie Robert Musil es ausdrückte, als er deutschen Wald beschrieb:

"Ich vermute, man könnte den Blick gar nicht ins Grün tauchen, wenn es nicht schon mit schnurgeraden Spalten dafür angelegt wäre. Die schlauen Förster sorgen bloß für ein wenig Unreschnurgeraden für irgendeinen Baum, der hinten etwas aus der Reihe tritt, um den Blick abzufangen, einen querlaufenden Stamm, den man sommersüber liegen läßt. Denn sie haben ein feines Gefühl für die Natur und wissen, daß man ihnen mehr nicht glauben möchte. Urwälder haben etwas höchst Unnatürliches und Entartetes. Die Unnatur, die der Natur zur zweiten Natur geworden ist, fällt in ihnen in Natur zurück. Ein deutscher Wald macht so etwas nicht."

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"Lästerung!" werden viele rufen. Wozu haben wir denn Konrad Lorenz, überhaupt die ganze Verhaltensforschung und neuerdings die Ökologie?

Natürlich. Aber der Mensch ist ein kompliziertes Wesen und nicht bloß eine Sonderform von Graugans. Es mag ja noch hingehen, wenn es sich um Ratschläge fürs alltägliche Verhalten handek. Brot von altdeutschem Schrot und Korn, Müsli und Sauerampfer, kalte Güsse und Gymnastik, was immer: Im schlimmsten Falle überdeckt bald grüner Rasen den falschen Rat.

Viel schwieriger wird es, wenn die sozialen Verhältnisse ins Spiel kommen. Nur zu leicht gerät man dann ins Skurrile. Wie der Spötter Voltaire an Rousseau schrieb, als der ihm eins seiner Bücher geschickt hatte: "Nie hat man so viel Geist darauf verwandt, uns wieder zu Eseln zu machen, Man bekommt Lust darauf, auf vier Füßen zu gehen, wenn man ihr Werk liest. Da ich jedoch seit sechzig Jahren aus der Übung gekommen. bin, fühle ich leider, daß es mir unmöglich ist, sie wieder aufzunehmen. Ich überlasse diese natürliche Gangart denen, die ihrer würdiger sind." Und: "Sie müßten hierher kommen und (ihre Gesundheit) in der heimatlichen Luft wiederherstellen. Sie müßten die Freiheit genießen, mit mir die Milch unserer Kühe zu trinken und auf unserer Weide zu grasen."

Leider bleibt es nicht beim Eselsgang. Einer, der sich als Schüler Rousseaus verstand, Maximilian Robespierre, hat in einer denkwürdigen Rede vor dem Konvent am 5. Februar 1794 sein radikales Programm einer Wiederherstellung der natürlichen Gesellschaft verkündet: "Wir wollen in unserem Lande den Egoismus durch die Moral ersetzen, die Ehre durch die Rechtschaffenheit, die Gewohnheit durch die Prinzipien, die Schicklichkeit durch die Pflicht, den Zwang der Tradition durch die Herrschaft der Vernunft, die Geringschätzung des Unglücks durch die Geringschätzung des Lasters, die Frechheit durch das Selbstgefühl, die Eitelkeit durch Seelengröße, den Geldhunger durch die edle Ruhmsucht, die sogenannte, gute Gesellschaft durch gute Menschen, die Ränkesucht durch die Verdienstlichkeit, den Schöngeist durch die Genialität, den falschen Glanz durch die Wahrheit, die Langweiligkeit der Wollust durch den Zauber des wahren Glücks, die Kleinheit der großen Leute durch die Größe des Menschen, ein Zauber leichtfertiges, klägliches Volk durch ein großmütiges, mächtiges, glückliches Volk..."

Und so fort. Tyrannei und Terror waren die Folge. Man kann aber aus den Naturanlagen des Menschen auch ganz andere Schlüsse ziehen und ausgerechnet auf Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht setzen. Das demonstriert als Zeitgenosse Robbespierres Immanuel Kant:

"Ohne jene, an sich zwar eben nicht liebenswürdige Eigenschaften der Ungeselligkeit, woraus der Widerstand entspringt, den jeder bei seinen selbstsüchtigen Anmaßungen notwendig antreffen muß, würden in einem arkadischen Schäferleben, bei vollkommener Eintracht, Genügsamkeit und Wechselliebe, alle Talente auf ewig in ihren Keimen verborgen bleiben: die Menschen, gutartig wie die Schafe, die sie weiden, würden ihrem Dasein kaum einen größeren Wert verschaffen, als dieses ihr Hausvieh hat; sie würden das Leere der Schöpfung in Ansehung ihres Zwecks, als vernünftige Natur, nicht ausfüllen. Dank sei also der Natur für die Unvertragsamkeit, für die mißgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben, oder auch zum Herrschen! Ohne sie würden alle vortrefflichen Naturanlagen in der Menschheit ewig unentwickelt schlummern."

Wer wollte es heute noch wagen, das so zu formulieren? Aber welches ist denn nun der rechte Weg? Wie können wir zur Natürlichkeit finden, ohne Schafe zu bleiben oder uns zu Eseln zu machen? Oder gar zu Wölfen? Ja, wer das wüßte!