Ich will nur hoffen, daß der Fürst die Tinte halten kann", sorgte sich der preußische Oberhof- und Hausmarschall August Graf zu Eulenburg nach Bismarcks Entlassung im März 1890. Es dauerte auch nur ein paar Wochen, bis in den Hamburger Nachrichten der erste von vielen anonymen Artikeln erschien, in denen jedermann die Handschrift des gestürzten Reichskanzlers erkennen konnte.

Klaus Bölling, der Vertraute des gestürzten Bundeskanzlers Helmut Schmidt, brauchte ganze zehn Tage, bis er in einem Hamburger Nachrichtenmagazin sein Tagebuch über die Agonie der sozialdemokratischen Regierung publizieren konnte, in des Spiegels eigenen Worten "ein zeitgeschichtliches Dokument, wie es so schnell noch nie der Öffentlichkeit zugänglich wurde".

Der Vergleich mit Bismarck bietet sich an, denn jener Kanzler hatte wie dieser allen Grund, über die Intriganten aufgebracht zu sein, die ihn zu Fall gebracht hatten; auch er konnte den Verlust der Macht schon deshalb, nicht verschmerzen, weil kein kompetenter Nachfolger in Sicht schien. Es fällt schwer anzunehmen, der ehemalige Regierungssprecher Bölling habe ohne Billigung seines früheren Dienstherrn gehandelt. Sein Tagebuch ist so von doppelter Authentizität.

Mehr noch: Es ist eine journalistisch perfekte, freilich als quasi amtliche Chronik getarnte Wahlkampfbroschüre. Sie soll dreierlei bewirken: die Bestrafung der "Genscher-Partei" (durch Diskreditierung ihres Vorsitzenden); Zwietracht in der Union (durch Andeutung einer Geheimbündelei zwischen CSU und SPD) und Ausrichtung der SPD auf den alten Schmidt-Kurs (durch Schuldzuweisungen an den linken Flügel und Distanzierung von Brandt).

Der Institution des Bundespressechefs hat der Ex-Staatssekretär damit keinen Dienst erwiesen. Bölling war ja nicht nur Sprecher des Kanzlers, sondern der ganzen Regierung – also auch des Vizekanzlers, den er nun politisch und menschlich zu erledigen trachtet. So verständlich Rachegelüste sind – die zuchtvolle preußische Art, deren sich der Märker Bölling gerne rühmt, ist das nicht, und schon gar nicht der feine hanseatische Stil, auf den sich Helmut Schmidt so viel zugute hält. Kj.