Von Günter Haaf

Das Stück handelt von einer vielversprechenden neuen Technik, von neuen Märkten und Produkten, von einem Großkonzern sowie von den drei Wissenschaftlern Howard Goodman, Hubert Köster und Herbert Boyer. Es kann durchaus als Lehrstück für die traurige bundesdeutsche Situation auf einem zukunftsträchtigen Forschungs- und Wirtschaftsgebiet gelten: Es geht um die Gentechnik.

Howard Goodmans Paradies liegt hoch über dem verschachtelten Klinikkomplex des Massachusetts General Hospitals. Über dem Eingang steht in Holz und mit vornehmer Schlichtheit, wie es sich für ein der Harvard-Universität angeschlossenes Institut gebührt, Department of Genetics. Mit gutem Blick auf die Skyline von Boston, der heimlichen Hauptstadt amerikanischer Wissenschaft, macht der Gentechnik-Pionier Goodman, 43, das, was ihm gefällt: "Mein Interesse ist die Wissenschaft."

Er kann sich den Luxus leisten. Unterstützt von etwa 50 hochqualifizierten Mitarbeitern in großzügig eingerichteten Labors stillt er seine allgemeine Forscherneugierde: Er will wissen, wie Gene – die Träger der Erbinformation – arbeiten. Daneben konzentriert sich das Team des bärtigen, umgänglichen Professors derzeit vor allem auf zwei Probleme mit potentieller Bedeutung für Medizin und Landwirtschaft: Wie produzieren unsere Gene menschliches Wachstumshormon und wie läßt sich dieser Botenstoff mit Hilfe der Gentechnik auch in Mikroben erzeugen? Welche Gene erlauben bestimmten Bakterien, Stickstoff aus der Luft zu binden? Und wie könnte dieser biochemische Trick per Gentechnik auf Pflanzen übertragen werden, die sich dann selbst mit dem wichtigen Nährstoff versorgen würden?

Für die meisten deutschen Molekulargenetiker gleicht das Bostoner Institut einem fernen Traum (siehe auch ZEIT Nr. 41: "Eine Bibliothek für die Geheimnisse des Lebens"). Und Goodmans Genetiker-Paradies ist sogar noch auf Zuwachs angelegt. Neben dem Klinikgebäude, das ersten komfortablen Unterschlupf gewährt, ziehen Bauarbeiter das Wellman-Forschungslabor hoch – künftiges Heim einer dann rund 120 Köpfe starken Expedition in die Welt des Erbguts.

Schon ein Bruchteil der Unterstützung würden Goodmans Hamburger Kollegen Professor Hubert Köster, 42, glücklich machen. Der Biochemiker an der Hamburger Universität ist einer der wenigen deutschen Gentechnik-Pioniere. 1975 gelang es ihm als erstem Forscher, ein menschliches Peptidhormon – das den Blutdruck regulierende Angiotensin – total zu synthetisieren.

Köster war sich sofort bewußt, daß die von ihm herausgefundene Reihenfolge der Aminosäuren, jenen Bausteinen aller Eiweißstoffe und damit auch Hormone, nach dem bekannten genetischen Code mühelos in die aus vier Nukleotid-Buchstaben bestehende "Schrift" der Erbsubstanz DNA übersetzt werden kann. Nichts anderes als die Nukleotid-Sequenz des für einen bestimmten Eiweißstoff zuständigen DNA-Abschnitts – also eines Gens – brauchen die Gentechniker, wenn sie ihre Mikroben mit fremdem Erbgut gezielt verändern wollen.