Von Albrecht Molsberger

Ich studiere Medizin, und wie viele Medizinstudenten verdiene ich einen Teil meines Geldes durch Nachtwachen; nicht zu häufig, um mich nicht zu sehr an die Atmosphäre einer Krebsstation zu gewöhnen.

Eigentlich müßte ich schreiben "Onkologie", so wie man "Gynäkologie" oder "Chirurgie" sagt. Aber Onkologie? – das Wort ist wenig bekannt. Das Fach ist zwar noch jung, aber es wird auch verdrängt, daß dieses Gebiet der Medizin auf jeden vierten von uns gegen Ende seines Lebens entscheidend Einfluß nehmen wird: jeder vierte stirbt an Krebs; in unserer Gesellschaft wenige ohne Krankenhaus und Medizin.

Es ist 19 Uhr. Um die Nacht durchzustehen, esse ich kräftig zu Abend. Mit der Straßenbahn fahre ich dann quer durch die Stadt. Unterm eigentlichen Krankenhaus hindurch geht’s in einen abgeteilten Seitenbau. Der übliche grauweiße Krankenhausputz wird mich nicht stören, denn der Seitentrakt der Onkologie ist in warmen Farben gehalten: Braun, Gelb, Grün, Rot. An den Türen der Krankenzimmer sind Namensschilder. Die Patienten wechseln häufig.

Auf dem Flur drei Kübel Gummibäume; insgesamt nicht viel anders als in jedem neueren Bürohaus: moderne Baupsychologie eben. Ich ziehe, meinen Arbeitskittel an und bespreche mit der Schwester ein paar Einzelheiten, bevor sie mich verläßt und es still wird. Auf einer Krebsstation ist es sehr still.

Einen ersten Überblick über die Arbeit heute nacht gewinne ich durch das Nachtwachenbuch; darin hat der Tagesdienst alle Maßnahmen für die Nacht notiert. Dort steht:

"Zimmer 1: ruhig."