Von Monika Putschögl

An diesen Spätherbsttagen, die mit ihren Nebeln und mit ihrem weichen Licht die Landschaft in wehmütige Schönheit hüllen, verklärt sich eine sonst ganz gediegene Ferienregion plötzlich zu fast unwirklicher Zartheit.

Das Mühlviertel ist ein behäbiges Stück Oberösterreich, vom Böhmerwald und der tschechoslowakischen Grenze im Norden bis zur Donau im Süden, vom Bayerischen Wald im Westen bis zur Wachau im Osten. Ein Bauernland, in jahrhundertelanger Mühsal kultiviert ("Eine Generation tot, die zweite in Not, die dritte im Brot"), mit wuchtigen, einsam gelegenen Dreikantgehöften, oft noch aus alten Granitquadern nur mit Kalk verputzt, den Misthaufen in der Mitte. Ein Bauernland mit weiten Feldern und Wiesen, durchsetzt von dunklen Wäldern, von sanften Buckeln begrenzt, mit kleinen aufgeräumten Dörfern, die Namen haben wie Sarleinsbach oder Putzleinsdorf, Ulrichsberg oder Hellmonsödt. Ein Bauernland schließlich mit sauberen Bächen, wie der Feld- oder der Waldaist, der Großen und der Kleinen Mühl. Die beiden letzteren waren es, die der Gegend den Namen gegeben haben. Mühl wiederum soll sich vom keltischen "mihel" ableiten, und das wiederum heißt Hügel.

Das Mühlviertel ist kein spektakuläres Feriengebiet, aber eines, in dem man sich zwangsläufig erholen muß, schon der ungemein beruhigenden Landschaft wegen. Statt gewaltiger Berge hat es gemütliche Hügel, mit tausend wirbt es, vielleicht vierhundert sind es. Müßig zu sagen, daß sich das Wandern im Mühlviertel aufdrängt. Wandern mit und ohne Gepäck, von Bauernhof zu Bauernhof – oder mit dem Fahrrad, da muß man dann auch einmal schieben.

Eine der urtümlichsten Wanderstrecken ist der "Nordwaldkammweg". Er führt ein gutes Stück durch den Böhmerwald, immer hart an der tschechoslowakischen Grenze entlang. Immer wieder warnen Schilder, den gut markierten Weg nicht zu verlassen, erinnern primitive Bretterbuden – Unterschlupf für die Zollwachebeamten – an die Nähe zur Tschechoslowakei. Ein bißchen unheimlich kann es einem da schon werden im düsteren Unterholz mit den bedrohlichen Hinweisen "Achtung Staatsgrenze".

Aber schon öffnet sich der Wald einer Wiese, kräht von der Ferne ein Gockel, glänzt ein Kirchturm in der Nachmittagssonne, liegt postkartenhübsch ein kleiner Ort. Wurmbrand ist so ein Dorf. In großen Wassertrögen schwimmen hutzelige Apfel und Birnen, Bäuerinnen sammeln überall das Obst auf. Daraus wird Most gemacht, das Nationalgetränk Oberösterreichs. Frisch schmeckt er und prickelnd, man mag ihm gar nichts Böses zutrauen nach dem ersten, zweiten Glas. Und er ist preiswert, wie es Ferien im Mühlviertel überhaupt sind. Für elf Mark kann man übernachten, für acht Mark wird man satt.

Ende des letzten Jahrhunderts, mit dem Bau der Mühlkreisbahn, begann der Fremdenverkehr im Ferienland um Linz. Die Kleinbürger und Wiener Beamten waren es, die sich die Sommerfrischen zum Erholen aussuchten, unter sie mischten sich auch ein paar Prominente. Thronfolger Franz Ferdinand kam aus einem dreiwöchigen Urlaub im Mühlviertel, als er in Sarajevo ermordet wurde. Der Komponist Karl Zeller nutzte seine Ferienzeit in Aigen, um sich inspirieren zu lassen. Der Wirtstochter Anna Almesberger setzte er im "Vogelhändler" ein musikalisches Denkmal.