"Unser Untergang war der Winter. Wir sind Opfer des Klimas." zum sagte Napoleon im Dezember 1812 zum Grafen Caulaincourt, der ihn auf dem Weg von Ruß-Und zurück nach Frankreich begleitete. Paris das erzählte Napoleon genauso in Paris immer wieder, hatte es schon in seinem berühmten 29. Bulletin der Grande Armée behauptet, das er am 3. Dezember in Moledetschno diktiert hatte, zwei Tage bevor er die Armee verließ; Auch später, in seinen Memoiren, die er als Gefangener auf St. Helena diktierte, spricht er noch immer davon, daß es vor allem der besonders strenge und ungewöhnlich früh einsetzende Winter von 1812/13 gewesen sei, der ihn und seine tapfere Armee in Rußland geschlagen habe.

Aber das ist eine Legende. Napoleon Anteil hat sie in die Welt gesetzt, um den Anteil eigener Schuld an der Katastrophe, die einer halben Million Soldaten das Levon kostete, zu verkleinern. Die Legende von und Schneestürmen, vom Eis auf Straßen und Flüssen, von dem strengen Frost, in dem Menschen und Pferde zu Tausenden erfroren, war so einleuchtend, so durchschlagend, daß sie in Tolstois Roman "Krieg und Frieden" und viele andere dichterische und historische Darstellungen, auch in die Historienmalerei, eingegangen ist und noch heute geglaubt wird. Zwar war der Winter 1812/13 wirklich einer der kältesten im ganzen Jahrhundert, aber – anders ab Napoleon es darstellte – setzte er erst sehr spät ein.

Am 24. Juni 1812 war Napoleon mit seiner Armee, die zur Hälfte aus Franzosen und zur anderen Hälfte aus Deutschen, Österreichern, Schweizern, Spaniern, Portugiesen und Polen bestand, in Rußland einmarschiert. Mitte September war er in Moskau, das in den nächsten Tagen, am 16., 17., 18. September, fast völlig niederbrannte. Er wähnte sich als Sieger und wollte Frieden schließen, aber Zar Alexander, der sich in St. Petersburg aufhielt, ließ sich darauf nicht ein. Nervös und zögernd wartete Napoleon in Moskau auf Antwort aus St. Petersburg und entschloß sich endlich – zu spät, wie er bald zugeben mußte – zum Rückzug. Der begann am 19. Oktober.

In seinem Bulletin vom 3. Dezember behauptete Napoleon: "Bis zum 6. November war das Wetter vortrefflich, und die Bewegung der Armee ging mit dem besten Erfolg vor sich. Die Kalte begann mit dem 7.; von diesem Tage an verloren wir jede Nacht mehrere hundert Pferde ... Die Kälte nahm plötzlich zu, und in der Nacht vom 14. auf den 15. und den 16. zeigte das Thermometer 16 bis 18 Grad unter dem Gefrierpunkt. Die Wege waren mit Glatteis überdeckt; die Kavallerie-, Artillerie- und Trainpferde fielen jede Nacht in Menge um, nicht zu Hunderten, sondern zu Tausenden; vor allem die deutschen und französischen Pferde. Über dreißigtausend Pferde kamen in wenigen Tagen um ... Wir mußten einen großen Teil unserer Kanonen im Stich lassen und zerstören sowie eben großen Teil unseres Kriegs- und Mundvorrats. – Die noch am 6. so schöne Armee war am 14. nur noch ein Schatten..., fast ohne Kavallerie und Transportwagen..."

Am 25., 26., 27. November wurde die Beresina überquert, nachdem zwei Brücken geschlagen worden waren. Auf später entstandenen Gemälden mußten die Soldaten dabei mit Massen von Schnee und gewaltigen Eisschollen kämpfen. Der Napoleon-Biograph André Maurois schreibt in romanhafter Übertreibung sogar von 35 Grad minus während der Beresina-Überquerung und davon, daß russische Granaten das Eis aufgerissen hätten. Aber in Wirklichkeit war der Fluß noch überhaupt nicht zugefroren.

Daß die Kälte erst später kam und daß Napoleons Angaben übertrieben waren, geht einmal aus Augenzeugenberichten hervor, zum andern aber aus einer umfassenden Sammlung meteorologischer Aufzeichnungen jener Zeit, die im Besitz der meteorologischen Zentralanstalt in Helsinki sind und dort vor einigen Jahren ausgewertet wurden. Die Ergebnisse bestätigen jene Angaben, die bereits 1881 von dem damaligen Direktor des Petersburger Physikalischen Zentralobservatoriums herausgegeben worden waren,

Danach war der Oktober 1812 wärmer als normal. Die mittlere Temperatur betrug in Kiew 10,6 Grad plus, in Warschau 10,2, in Riga 7,7, in Reval 6,6 Grad. Aber auch der November, um den es hier ja vor allem geht, war wärmer als normal und bei weitem nicht so kalt, wie Napoleon behauptete. In Kiew betrugen die mittleren Tageswerte für den ganzen November noch plus 1,8 Grad. Die niedrigste Temperatur wurde in der Nähe von Smolensk gemessen, nämlich minus 8 Grad. Napoleons Bulletin-Angaben von minus 16 und minus 18 Grad werden also nicht annähernd bestätigt.

Daß sie ihm dennoch geglaubt wurden, hat einen einfachen Grund: Die Soldaten haben solche und noch sehr viel härtere Temperaturen ein, zwei Wochen später, im Dezember, wirklich erleben müssen, als ihr Kaiser längst wieder in Paris war. Und die Heimkehrer haben dann von der großen Kälte erzählt und schienen damit Napoleons Angaben zu bestätigen. Wirklich sind erst im Dezember Hunderttausende erfroren. Und das war nicht die Folge eines zu früh einsetzenden Winters, sondern einzig die Folge des von Napoleon zu spät begonnenen und mangelhaft vorbereiteten Rückzugs aus Moskau. Beim Aufbruch hatte die Armee Verpflegung für zwanzig Tage, aber Pferdefutter nur für eine knappe Woche, und es erwies sich als unmöglich, auf dem Rückzug genügend Nachschub zu beschaffen.