Die neue Regierung möchte das Vertrauen der Verbraucher gewinnen – damit sie wieder mehr kaufen und so den Aufschwung einleiten helfen. Doch in Erwartung weiterer sinkender Realeinkommen und angesichts düsterer Wirtschaftsprognosen werden sich die Bürger wohl kaum aus der Reserve locken lassen.

Neu ist das Rezept wirklich nicht, mit dem der neue Finanzminister die Konjunktur anzukurbeln hofft: Gerhard Stoltenberg versuchte sich in Seelenmassage. "Für eine deutliche wirtschaftliche Besserung würde es sehr helfen", so ließ der Finanzchef gleich bei Amtsantritt verlauten, "wenn sich der Verbraucher jetzt wieder zu sinnvollen Anschaffungen entschließt, die er bisher möglicherweise aus Vorsicht zurückgestellt hat. So kann jeder zu einer Belebung des Konsums beitragen." Soweit der neue Mann.

Warum aber gerade jetzt, mag sich nun der Konsument fragen. Denn mit dem Regierungswechsel allein hat sich ja noch nichts zum Positiven geändert. Wenn es ums eigene Portemonnaie geht, dann haben die Verbraucher ihre eigenen Maßstäbe, Die hohen Arbeitslosenzahlen werden in den nächsten Monaten noch höher, und schon seit zwei Jahren muß die Masse der Konsumenten mit sinkenden Realeinkommen fertig werden. Ihre Reaktion war denn auch ganz und gar verständlich. Sie haben gespart – 1981 und 1982 ein bißchen mehr als zuvor –, und sie haben mehr mit dem Rechenstift als mit Lust und Laune konsumiert. Und dabei waren sie noch nicht einmal unglücklich. Denn mit viel Phantasie und ein wenig Sportsgeist ist es vielen von ihnen – trotz rückläufiger Konsumausgaben – gelungen, den Lebensstandard zu halten.

Wer sein Auto ein paar Monate länger fährt, als er es früher gewohnt war, wer die Anschaffung von Kühlschrank, Stereogerät oder Kaffeemaschine nicht vom neuesten Design oder einer neuen technischen Variante, sondern von der Lebensdauer des im Haushalt vorhandenen Geräts abhängig macht, wer mit dem eigenen Auto statt mit dem Flugzeug in den Urlaub fährt und sich dort selbst verpflegt, statt ins Restaurant zu gehen, der büßt an Lebensqualität kaum etwas ein, spart aber Geld.

Die üppigen Jahre, als die meisten Bundesbürger nach Herzenslust ihr Geld ausgeben konnten, erleichtern nun ihre Lage: Die Haushalte sind bestens ausgestattet, die Kleiderschränke gefüllt. "Was", so fragte einmal der Sprecher eines Warenhauskonzerns mit einiger Verzweiflung, "soll man einem satten Verbraucher noch anpreisen."

Gerade hier aber liegt das Dilemma: Konsumenten, die mit ihrem Zustand einer neuen Bescheidenheit zufrieden sind, die noch immer über ausreichende Mittel für Freizeitvergnügen und Reisen verfügen und die zudem noch auf stattliche Summen auf Sparkonten und Wertpapierdepots blicken können, die sind nicht ohne weiteres als Motorep für einen neuen Aufschwung zu gebrauchen.

Stagniert aber der private Konsum oder geht er gar – wie seit zwei Jahren – zurück, dann fehlt der Volkswirtschaft der entscheidende Impuls für den Marsch aus der Talsohle. 55 Prozent des Bruttosozialprodukts nämlich werden vom privaten Konsum bestimmt. In den vergangenen Jahren hatten die Privathaushalte mit ihren Ausgaben die wirtschaftliche Tätigkeit auf ihrem hohen Niveau gehalten. Seit 1981 ist die Stütze wankend geworden – für die Hersteller von Konsumgütern und die Anbieter von Dienstleistungen nicht gerade ein Anreiz für neue Investitionen. Die Folge: Die Wirtschaft wächst nicht mehr.

Nun ist zugegebenermaßen jede Handlung von Verbrauchern und Produzenten auch ein Spiegelbild der jeweiligen Stimmungslage. Und diese ist – hoher Spar- und Kontenstand zeigen das – vorwiegend pessimistisch. Der neuen Regierung also müßte es gelingen, Stimmung zu machen. Mit seinem Appell an die Konsumenten hat Minister Stoltenberg das auch versucht. Doch Konsumenten, die mit sinkenden Sozialeinkommen wie Kindergeld, und Renten, steigenden Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung und schließlich zur Jahresmitte 1983 auch noch mit einer höheren Mehrwertsteuer und damit steigenden Preisen rechnen müssen, werden sich so kaum zu Mehrkonsum beflügeln lassen. Wie die neue Regierung so einen Aufschwung schaffen und damit die Arbeitslosigkeit abbauen will, das bleibt vorerst ihr Geheimnis. Gunhild Freese