ZEIT: Herr Brendel, ist eine solche Konzerttournee nicht eine im Grunde unmenschliche Tortur?

Alfred Brendel: Nicht so sehr eine Tortur, denn ich lebe ja mit einem Programm einen ganzen Monat lang – genauer: drei Wochen. Ich kann mich darauf konzentrieren, habe dann hier in London, wo ich stets das letzte Konzert der einzelnen Phasen gebe, eine Pause, um ein bißchen zu verschnaufen und das nächste Programm vorzubereiten. Das ist eigentlich wesentlich einfacher, als wenn man sieben Programme in einem Aufwasch hintereinander spielt – das wäre viel marathonhafter und sportlicher.

ZEIT: Sie arbeiten jeden Abend unter veränderten Bedingungen: auf einem anderen Instrument, in einem anderen Raum. Verändert sich dadurch nicht auch etwas an der Interpretation?

Brendel: Ich kenne zwar alle diese Instrumente, aber man kann sich auf sie nie hundertprozentig verlassen – in den kleineren Orten schon eher als in den großen Städten, denn die Instrumente werden dort eine Saison lang gespielt, werden abgenutzt und wieder aufgearbeitet, man muß immer wieder frisch reagieren und frisch daran arbeiten.

ZEIT: Also liegt eine große Verantwortung auch beim jeweiligen Stimmer?

Brendel: Von ihm hängt allerdings sehr viel ab. Jeder Flügel hat ein bestimmtes Timbre, eben bestimmten Fundus; nach jedem Konzert kommen ein paar Töne heraus, die zu laut waren oder zu leise. Das ist einerseits eine Sache der Lautstärke, andererseits eine der Klangfarbe, und da muß man verschieden reagieren. Hier und da werden auch Töne zu leise, wenn sie zu schlecht intoniert werden, und die muß man dann versuchen ein bißchen herauszukitzeln; das ist schon wesentlich schwerer.

ZEIT: Aber die Gefahr, daß das Instrument für Sie zu brillant ist, wird Ihnen doch wohl nur selten drohen?