ARD, Freitag, 15. 10., 21.45 Uhr: "Hitler kriegt die Saar nicht! Exil und Widerstand an der Saar von 1933-1935", Film von Jörg Hafkemeyer

Saarländer sind keine Friesen, keine Pidder Lüngs, die gesagt haben sollen, sie seien lieber tot als Sklaven, was ein Saarländer, der lieber alle Mittel und Wege sucht, am Leben zu bleiben, nie gesagt haben würde, und so ist er, durch alle Zeitläufe hindurch, am Leben geblieben, munterer als je zuvor. Daß diese lateinische Opportunität eine vitale Überlebensvariante mit List und Tücke, die ja viel eher das gewitzte Ergreifen günstiger Gelegenheiten als das schmähliche Anpassen an jeweilige Lagen bedeutet, über alle gesellschaftlich-moralischen oder moralisch-gesellschaftlichen Postulate triumphiert, zeigt jetzt ein Film des Saarländischen Rundfunks, der ein Film über die politischen Exilanten von 1933 sein will, aber auch ein Film über die Saarländer ist.

Auch wenn nur drei Saarländer zu sehen und zu hören sind, die Zentrumsleute Hermann Matthias Goergen und Pater Hugolinus Dörr und der Kommunist Julius Schneider, der die Altgenossin Lore Wolf an die Stätte des legendären "Sulzbacher Schwurs" der Einheitsfront gegen Hitler am 26. August 1934 führt, so sind doch alle Saarländer in ihrer Mentalität und Machtlosigkeit lebendig geworden: und den meisten unter ihnen wird es sicherlich nicht gefallen, wie und als was sie da, fünfzig Jahre danach, auf dem Bildschirm erscheinen.

Der Film, ein politisches Feature von Jörg Hafkemeyer, läuft am Freitagabend unmittelbar nach Edward Dmytryks Spielfilm "Die linke Hand Gottes", in dem Humphrey Bogart, als ein in China notgelandeter Flieger, in das Gewand eines Priesters schlüpft, um eine Missionsstation vor dem Zugriff eines unchristlichen chinesischen Gewaltmenschen zu retten. Hafkemeyers Saarland-Feature zeigt, umgekehrt, wie sich die Emigranten und Exilanten des Nazideutschland in der letzten freien deutschsprachigen Zone im Stich gelassen, einer anonymen zivilen Masse in schwarzen Stiefeln und "Deutsche Front"-Mützen gegenübersehen.

Das damalige Saargebiet, nach dem Ende des 1. Weltkrieges 15 Jahre lang vom Reich abgetrennt und bis zur Volksabstimmung am 13. Januar 1935 unter der Verwaltung einer internationalen Führungskommission, hatte 30 000 politischen Flüchtlingen (Zentrumsleuten, SPDlern, Kommunisten) auf ihrem Weg in die Emigration Aufnahme gewährt und unter vielen von ihnen die Hoffnung geweckt, "Fluchtziel" (wie Heinz Kühn), vielleicht sogar "letzte Bastion" (wie Hubertus Prinz zu Löwenstein sagt) gegen Hitler und den Nazismus zu sein und zu bleiben. Margarethe Buber-Neumann und Lore Wolf, Georg K. Glaser und Hans Jennes erzählen von Widerstand und Flucht, von ihrer politischen Arbeit im saarländischen Exil, aber auch Von ihrer großen Enttäuschung.

Doch durch die Vermittlung dokumentarischer Information hindurch zeichnet sich das Psychogramm des Saarländers ab: In den lapidaren Aussagen der Betroffenen erscheint er, scharf vergrößert, wie in einer Brennlinse.

Bezeichnend in Hafkemeyers Film ist eine kaum auffällige Sequenz: Als das Abstimmungsergebnis im großen Saal der Wartburg in Saarbrücken mitgeteilt wird (über 90 Prozent stimmten für "hemm ins Reich"), entlädt sich der Beifall mit verräterischer Verzögerung, als hätten die Saarländer selbst nicht so viel oder so wenig von sich erwartet. Auch mein Vater, als Deutscher, obwohl kein Parteigänger, wählte, wie die ganze Familie, deutsch. Er wählte in blindem Patriotismus mit Deutschland auch Hitler und den Nazismus, er sagte: "Und wenn der Teufel auf Stelzen kommt."

Ludwig Hang