Von Gero von Boehm

Die Abschußrampe stand ausgerechnet dort, wo man sich vor den Folgen eines Atomkrieges annähernd geschützt wähnt: in Australien. Zum Ziel hatte die verbale Bombe eines der meist diskutierten Bücher der letzten Zeit. Der New Yorker Autor Jonathan Schell habe, so die Angreifer, mit seinem Buch Das Schicksal der Erde – Gefahr und Folgen eines Atomkriegs nicht viel mehr als ein Plagiat vorgelegt. Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt (Nr. 37 vom 12. 9.) zitierte eine "Dokumentation" des Theologie-Professors Grover Foley von der Universität Melbourne, der angeblich nachgewiesen habe, das Buch Stamme "mit keinem einzigen philosophischen Gedanken von Schell, sondern ist abgeschrieben, hauptsächlich aus dem 1972 erschienenen und lange vergriffenen Buch Endzeit und Zeitende von Günther Anders, das 1981 unter dem Titel Die atomare Drohung neu aufgelegt wurde."

Der Autor habe nichts anderes geleistet als eine "vereinfachende Wiederholung der philosophischen Arbeit von Anders". Brisante Spekulationen machten die Runde: Hatte Jonathan Schell, der "Prophet" der amerikanischen Friedensbewegung, seine "Bibel des Atomzeitalters" tatsächlich abgekupfert? Hatte er sich darauf verlassen, daß seine, in den USA gänzlich unbekannte Quelle geheim bleiben würde? War das schlechte Gewissen gar der Grund für seine Medienscheu?

Schell, Redakteur des angesehenen Intellektuellen-Magazins New Yorker erfuhr von der Affäre erst durch einen Telephonanruf aus Deutschland und fiel aus allen Wolken. Er schwor, den Namen Günther Anders nie gehört zu haben, geschweige denn seine Bücher zu kennen. In der Tat ist lediglich 1960 ein Artikel in der Zeitschrift New York Direction mit Thesen zum Atomzeitalter ins Englische übersetzt und in den USA publiziert worden. Schell spricht und liest kein Wort deutsch. Das freilich tat dem Argwohn keinen Abbruch. Schließlich hätte er sich, einmal auf diese Quelle aufmerksam geworden, eine private Übersetzung anfertigen lassen können. Die Literaturgeschichte, so schien es, hatte einen neuen Skandal.

Dann aber verwandelte sich in einem Hamburger Gerichtssaal die Bombe vorläufig in eine Seifenblase. Auf Antrag von Jonathan Schell, der nach Deutschland geeilt war, erklärte sich nach einer mündlichen Verhandlung das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt bereit, eine sogenannte "strafbewährte Unterlassungserklärung" abzugeben. Die Vorwürfe gegen Schell dürfen bis zum Abschluß des Hauptverfahrens nicht weiter aufgestellt werden. Das freilich kann sich über Jahre hinziehen, weil beide Seiten Gutachter aufbieten und den Instanzenweg gehen werden.

Inzwischen kursiert nun das mit Spannung erwartete Papier des Anders-Verehrers aus dem fernen Melbourne. Es handelt sich um eine recht groteske Mischung aus akribischem Textvergleich, ziemlich verwegenen Kontraktionen und teilweise polemischen Kommentaren – jedenfalls nicht um eine "Dokumentation". Zudem leidet das Papier an einem zentralen Denkfehler, der die Frage provoziert: Hat Foley nicht begriffen, daß es bei der atomaren Frage um unser gemeinsames Schicksal geht, über das wir gemeinsam nachdenken sollten? Und will er nicht verstehen, daß sich als Ergebnis dieses Nachdenkens oft gemeinsame Schlüsse geradezu aufdrängen? Der Zufall als Notwendigkeit.

Es mag ein Symptom unserer Zeit sein, womöglich ein warnender Hinweis, wenn sich das jetzt in Büchern dokumentiert. Die Philosophen haben die Erkenntnis nicht länger gepachtet. Oft mag Günther Anders seinen "Gegenspieler" Schell (wie grotesk das klingt, wo es doch um die gemeinsame Siehe geht) an Brillanz der Gedanken übertreffen. Aber eigentlich sollte Anders sich freuen, daß es nach genau 30 Jahren endlich jemand geschafft hat, die Bedrohung einem breiten Publikum plastisch vor Augen zu führen. Statt dessen schreibt der zurückgezogen in Wien lebende Anders verbittert: