Der mann, der nun zunächst der erste der neuen herrschenden sein wird, ist bis ins tiefste gemüt hinein (wovon er sehr viel hat) unverdorben durch alle kunst (außer vielleicht chorsingen). Der zweite, der dann kommen wird, mag die gebildeten auch nicht, spricht aber gern lateinisch und hat einen vertrauten, der wiederum sehr gern orgel spielt. Wenn der lateiner deutsch redet und auf bücherschreiber zu sprechen kommt, dann nennt er sie meistens tiere, und zwar solche tiere, die kaum einer bei uns mag (ratten etwa.) Sein liebster freund ist ein mann, der tiere liebt, und zwar solche tiere, die wir alle lieben (hähnchen); seine leidenschaft ist das braten dieser tiere, er war damit reich geworden. Unlängst aber hat er gründlich falliert.

"Herrschaftswende – Ein Brief von Rolf Vollmann an seinen verehrungswürdigen Freund Tu Fu" ("Stuttgarter Zeitung", 9. Oktober 1982)

Zwischen Kitsch und Design

Nichts weniger wird erwartet, als daß jemand das Ei des Kolumbus legt oder ausbrütet oder den Stein des Weisen ausgräbt: uns nämlich zu sagen, möglichst zu zeigen, wie Gebrauchsgegenstände der Massenproduktion auf einer "dritten Ebene" zwischen "guter Form" und "Kitsch" beschaffen sein könnten und somit wunderbarerweise dem anspruchsvollen Geschmack nicht wehe, aber dem anscheinend vernachlässigten Gemüt Genüge zu tun. Diesem Thema widmet das Internationale Design-Zentrum in Berlin seinen neuesten Wettbewerb. Die Aufgabe, "gute Form" und "Kitsch" irgendwie, irgendwo in Beziehung zu bringen, darf sowohl mit theoretischen Beiträgen als auch mit konkreten Objekten erfüllt werden. "Nicht ein neues Geschmacksdiktat gilt es durchzusetzen", verlautet vom IDZ, "sondern die Massenproduktion mit all ihren Gestaltungsmerkmalen als Impuls für die Erneuerung der Disziplinen Architektur und Design anzunehmen, um das traditionelle, veraltete Entwurfsdenken abzulösen." Welch ein Unterfangen! Die Autoren der von einer Jury ausgewählte Arbeiten, die bis zum 30. März beim IDZ (Ansbacher Str. 8, 1000 Berlin 30) eingegangen sein müssen, dürfen dann das neue Forum des Zentrums bilden.

Anna Freud

Sigmund Freud erfand die Psychoanalyse. Anna Freud erfand die Kinderpsychoanalyse. Diese sei einfacher als jene, denken viele. Dagegen schreibt Anna Freud in ihrem jüngstem Buch ("Kinderanalyse", S. Fischer Verlag): "Daß Kinder schwerer analytisch zu behandeln sind als Erwachsene, sollte niemanden überraschen. Erwartungen in einer optimistischeren Richtung wurden vielleicht anfangs durch die Feststellung geweckt, daß die Träume von Kindern leichter zu deuten sind als die älterer Menschen, da die Traumentstellung weniger kompliziert ist und der latente Traumwunsch offener zutage liegt. Diese kleine Erleichterung zählt jedoch wenig, wenn man sie gegen eine Unzahl von Nachteilen abwägt, wie etwa die geringere Einsicht und das fluktuierende therapeutische Bündnis des Kindes, seine größere Intoleranz gegenüber Unlust und Angst, seine Unfähigkeit und seinen Unwillen, sich der freien Assoziation zu überlassen, seine Vorliebe für Handlung statt Verbalisierung, seine Abneigung, Frustration in der Übertragungsbeziehung zu ertragen, und die unvermeidliche Einmischung seitens der Eltern." Anna Freud, 1895 als jüngste Tochter Sigmund Freuds geboren, war lange die Begleiterin und die Pflegerin des Vaters. 1934 schrieb Freud, "daß das Schicksal mir zur Entschädigung für manches Versagte den Besitz einer Tochter gewährt hat, die unter tragischen Verhältnissen hinter einer Antigone nicht zurückgestanden wäre". Anna Freud ist jetzt in London gestorben.

Superbuch für Superrekord

"Das Superbuch der Superrekorde" wird Ullsteins Messe-Renner genannt, das bereits jetzt mit 400 000 Exemplaren verkaufte Guinness-Buch der Rekorde, solchermaßen seinen Titel einlösend; im Äußeren eine Mischung aus mittelmäßigem Kochbuch und Shell-Auto-Atlas, gibt es in dem Teil, den man Textteil nur ungern nennt, so wichtige "facts und figures", welches der höchste Preis für ein Gemälde ist, der je auf einer öffentlichen Auktion gezahlt wurde (6,4 Millionen US-Dollar für William Turners "Julia and her nurse") oder welches die Königin mit dem höchsten Alter war (Sawang, die Königin-Großmutter von Siam, 27. Tochter des Königs Mongkut, starb mit 93 Jahren). Dalli-Dalli auf Papier: der neue Buchtyp, der, man versteht das gewiß, anspruchsvolle Literatur nicht (wie es früher hieß) ermöglicht, sondern (wie es heute klar ist) vernichtet. Dieses Telephonbuch der Superlative wird fraglos Generationen gebildeter, denkender, phantasievoller Menschen hervorbringen – solche etwa, die das "Tagebuch der Anne Frank" als anstößige Lektüre ihren vierzehnjährigen Kindern zur Schullektüre verbieten; so geschehen dieser Tage im US-Bundesstaat Virginia.